Schunkelrock mit Salzgeschmack

Das norddeutsche Quintett Santiano hat das Seemannslied hitparadenfähig gemacht hat. Mit ihrem dritten Album stechen sie jetzt auf Tour. Und legen beim «Donnschtig-Jass» und am Schlager-Open-Air Flumserberg an.

Reinhold Hönle
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Geben sich seetauglich: Die norddeutsche Band Santiano mischt Seemannslieder mit Folk, Pop und Rock. (Bild: pd)

Geben sich seetauglich: Die norddeutsche Band Santiano mischt Seemannslieder mit Folk, Pop und Rock. (Bild: pd)

«Wir singen die Lieder, die Lieder der Freiheit. Die Welt soll uns hören, komm, stimm' mit uns ein!» singen Santiano im Refrain ihrer aktuellen Single inbrünstig aus einer Kehle. Als wollten sie tatsächlich die ganze Welt für den Kampf gegen Unterdrückung gewinnen, und reissen die Zuhörer mit ihren Gitarren- und Violinsoli, die jeder Rockband gut anstehen würden, endgültig mit. Der zugehörige Videoclip, in dem die fünf kernigen Männer das Boot, mit dem sie in die Freiheit geflüchtet sein müssen, an dicken Tauen durch Wälder und Dünen schleppen, drückt sinnbildlich aus, dass sie sich durch kein Hindernis stoppen lassen werden.

Beim Jammen hat es begonnen

Bei Björn Both, Hans-Timm Hinrichsen, Andreas Fahnert, Axel Stosberg und Pete Sage selbst war diese Überzeugung nicht von Anfang an da, obwohl alle schon vorher Frontleute eigener Bands und gestandene Musiker waren. Sie starteten Santiano als Nebenprojekt, nachdem sie 2011 bei einer Party im Studio der Produzenten Hardy Krech und Mark Nissen eine Nacht lang jamsession-mässig Shantys geschmettert und dabei bemerkt hatten, wie gut sich ihre unterschiedlichen Stimmen ergänzen. «Hardy und Mark war es auch nicht entgangen, was für eine Chorwucht wir entwickelten», erzählt Both. «Sie erinnerten sich, dass sie noch einen passenden Song in der Schublade hatten, und heckten dann gemeinsam mit uns und dem Management dieses Seemannsding mit allem Drum und Dran aus.»

Gleich auf Platz 1

Das Kreativ-Team war sich schnell einig, nicht einfach nur die Shanty-Tradition wiederbeleben oder in Seeräuberkostümen zur Gaudi machen zu wollen, sondern ernsthaft an die Sache heranzugehen. «Unser Ziel war es, das Seemannslied durch die Vermischung mit Irish Folk, plattdeutschen Volksliedern, Schlager, Rock und Pop, mit dem wir in unserem musikalischen Vorleben ebenfalls Erfahrung gesammelt hatten, ins 21. Jahrhundert zu katapultieren», erklärt Hinrichsen. «Um klarzustellen, dass wir hier nicht nur Küstenfischerei betreiben, haben wir mit dem Titel des Débutalbums gleich ein klare Ansage gemacht.» Santiano eroberten mit «Bis ans Ende der Welt» auf Anhieb Platz eins der deutschen Hitparade und gewannen einen «Echo» – ein Erfolg, den sie mit der folgenden CD «Mit den Gezeiten» zu wiederholen vermochten.

Bekannt mit Peter Reber

Schon zuvor war die Band aus dem nördlichen Schleswig-Holstein einem Künstler aus dem Land des zweifachen America's-Cup-Gewinners aufgefallen, der als Seefahrer bekannt ist: Peter Reber. «Als er auf uns zugekommen ist, waren wir total beeindruckt, auf welchen Meeren er sich mit seinen Segelschiffen schon herumgetrieben hat – sogar in der Arktis», erzählt Both. «Und dann macht er darüber auch noch so tolle Lieder!» Bei «Die Kinder des Kolumbus» sei das Quintett sogar ein wenig neidisch gewesen, dass es den Song nicht selbst geschrieben hat, bekennt der Leadsänger.

Song um Nordsee-Ungeheuer

Ihre Version der Hymne auf das Fernweh zählt wie «Lieder der Freiheit», welches kaum erkennbar auf Mike Oldfields 1984er-Hit «To France» basiert, zu den packendsten Songs der aktuellen CD. Heraus ragen ausserdem das fröhliche «Rolling The Woodpile», das unter die Haut gehende «Die letzte Fahrt» und das bedrohliche «Rungholt», das vom jenem sagenhaften Nordsee-Ungeheuer handelt, welches für Ebbe und Flut sorgt, wenn es ein- und ausatmet.

Mit «Von Liebe, Tod und Freiheit», das in der Schweiz den Chart-Einstieg auf Platz 2 schaffte, versuchen Santiano auf der kommenden Tour noch mehr Leute an Bord zu holen. Dafür rühren sie zuerst morgen in Roman Kilchspergers «Donnschtig-Jass – live aus Oberägeri» (SRF1, 20.05 Uhr) die Werbetrommel. Und sie zählen am 31. Juli am Schlager-Open-Air Flumserberg mit zu den Top-Bands. Im Oktober treten sie zudem in Luzern, Zürich, Basel und Amriswil auf. «Das Publikum kann sich auf unsere Konzerte freuen», verspricht Hinrichsen. «Wir gehen nicht mit zusammengekniffenen Hinterbacken auf die Bühne, sondern rocken die Bude!»

Santiano: «Von Liebe, Tod und Freiheit» (Universal Music). Tour: 11.10. Amriswil Pentorama