Schützenswertes Autorenkino

Das 69. Filmfestival von Cannes bot eine gute Auswahl – auch ohne klare Favoriten. 21 Filme strebten die Goldene Palme an. Dass der Cannes-Habitué Ken Loach mit «I, Daniel Blake» sie erhielt, war eher eine Überraschung.

Doris Senn
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Im Blitzlichtgewitter nach dem Gewinn der Goldenen Palme: Der britische Regisseur Ken Loach. (Bild: ky/Ian Langsdon)

Im Blitzlichtgewitter nach dem Gewinn der Goldenen Palme: Der britische Regisseur Ken Loach. (Bild: ky/Ian Langsdon)

Selten in den letzten Jahren gab es im Filmfestival von Cannes so viele Favoriten – und gleichzeitig so wenige. Dafür bot der Wettbewerb 2016 einen soliden Querschnitt des namhaften Autorenkinos dieser Welt. Dazu gehörte auch «I, Daniel Blake» des bald 80jährigen Ken Loach. Der Film erzählt von einem älteren Schreiner, der nach einem Herzinfarkt erstmals in Kontakt mit der kafkaesken Bürokratie von Arbeitsamt und Co. kommt. Der rechtschaffene Handwerker sieht sich mit einem Beamtentum konfrontiert, dessen einziges Ziel es zu sein scheint, die Hilfesuchenden zu schikanieren. Gewohnt eingängig inszeniert, erhielt Ken Loach dafür seine zweite Goldene Palme.

Plädoyer für engagiertes Kino

Der engagierte Film überzeugte am ehesten in der diesjährigen Auswahl. Bei der Preisverleihung gab es mehrere Voten, die das Autorenkino zunehmend als schützenswerte «Nische» empfanden und Cannes aufforderten, «stark zu bleiben». Auch die Jury würdigte dies und zeichnete – nebst «American Honey», das mit dem Jurypreis prämierte Roadmovie von Andrea Arnold über eine Gruppe jugendlicher Magazinverkäufer in den USA – auch das neue Werk von Cristian Mungiu für die Regie aus: «Bacalaureat» handelt von einem Arzt, der aus Liebe zur Tochter seine hehren Prinzipien aufs Spiel setzt. Mungiu skizziert das Bild eines Rumäniens auf Gratwanderung zwischen Integrität und Klüngelei.

Ebenfalls um Korruption dreht sich «Ma' Rosa» des Filipinos Brillante Mendoza. Die Hauptfigur Rosa sorgt für das Auskommen der Familie, indem sie an allen Ecken feilscht und nebst Süssigkeiten in ihrer kleinen Bude auch Crystal Meth verkauft. Bis sie eines Tages in die Fänge der Polizei gerät. Der Einblick in die Niederungen von Manilas Slums ist dank Steadycam und einem naturalistischen Setting eindringlich. Ausgezeichnet für ihre bravouröse darstellerische Leistung als Ma' Rosa: Jaclyn Jose.

Preiswürdige Adaptionen

Der am sehnlichsten erwartete Film in Cannes war wohl der von Regietalent Xavier Dolan: «Juste la fin du monde» ist die Adaption eines Theaterstücks über einen HIV-positiven Autor, der nach langer Abwesenheit nach Hause zurückkehrt, um seinen bevorstehenden Tod anzukünden. Mit Staraufgebot inszenierte Dolan die Familie – Nathalie Baye, Vincent Cassel, Léa Seydoux und Marion Cotillard –, die dem verlorenen Sohn mit Gekränktheit begegnen. Das ob der geballten Emotionalität eher strapaziöse Filmvergnügen erhielt den Grossen Preis der Jury, den Dolan nicht weniger emotionsreich verdankte. Ebenfalls auf einem Theaterstück – «Tod eines Handlungsreisenden» von Arthur Miller – basiert der zweifach prämierte «Forushande» von Ashgar Farhadi. Der Iraner, der 2011 mit seinem «A Separation» Furore gemacht hatte, überzeugte erneut durch die meisterhafte Konstruktion der Erzählung und erhielt den Preis für das beste Drehbuch, während Hauptdarsteller Shahab Hosseini die Auszeichnung als bester Schauspieler erhielt.

Perlen in Nebensektionen

Während der Cannes-Wettbewerb traditionsgemäss vor allem den Bisherigen offensteht, sind Neuentdeckungen in den Nebensektionen zu machen. Etwa Stéphanie Di Giusto mit ihrem Erstling «La danseuse» über Loïe Fuller, eine vergessene Pionierin der Choreographie und Erfinderin des «Schmetterlingstanzes». Von Di Giusto grossartig umgesetzt mit der französischen Sängerin und Darstellerin Soko im Zentrum. Oder auch das Langfilmdébut «Divines» von Houda Benyamina (mit Goldener Kamera ausgezeichnet), in dem die Filmemacherin ein kraftvolles Buddymovie à la feminine aus der französischen Banlieue in Anlehnung an ihre eigene Biographie entrollt.

Vom Publikum begeistert aufgenommen wurde auch der erste lange Animationsfilm des Westschweizers Claude Barras: Die Puppenanimation «Ma vie de courgette» erzählt, wie ein Bub seinen Platz unter den Kindern eines Waisenhauses finden muss – ein herzerwärmendes kleines Juwel und würdiger Vertreter des Schweizer Films in Cannes.