Musiktheater

Schuberts «Winterreise» in der Alten Reithalle Aarau: Eingefrorenes Leben

In der Alten Reithalle erhält Schuberts «Winterreise» mit Le Collectif barbare neue Aktualität.

Anna Kardos
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Noch Lazarett oder schon Leichenhalle? Sopranistin Irina Ungureanu in der «Winterreise».

Noch Lazarett oder schon Leichenhalle? Sopranistin Irina Ungureanu in der «Winterreise».

Manchmal rücken die Jahrhunderte nah zusammen. Und als Scharnier dient ein Gefühl – obwohl: Kann man die totale Abschottung von den eigenen Emotionen überhaupt noch Gefühl nennen? Denn diese ist es, die der einsame Wanderer in Franz Schuberts weltberühmtem Liederzyklus «Winterreise» mit sich herumschleppt. Durch Schnee und Eis. Durch Kälte und Einsamkeit. Mit Tränen (zahlreichen und heissen – schliesslich lebte Schubert in der Romantik) und ja, manchmal auch mit trotzigem Groll. Das ist schwere Bagage.

Womöglich erscheint sie aber leicht im Vergleich zu jener von Millionen Wanderern des 21. Jahrhunderts. Über die Meere kommen sie, durch die Wüsten. Auch sie kennen Kälte und Einsamkeit, Tränen und ja, vielleicht auch den Groll.

Wanderer des 21. Jahrhunderts

Dass das Musiktheater «Winterreise» des Le Collectif barbare von ihnen handeln wird, merkt man schon am Anfang. Beim Eingang der eiskalten, weil unbeheizbaren Alten Reithalle Aarau. Da kriegt man eine Wolldecke Marke Zivilschutz in die Hand gedrückt. Und dann heisst es Warten, warten. Flankiert von einer haushohen Sperrholzmauer und beschallt von unverständlichen Worten, die aus einem weit oben angebrachten Lautsprecher hallen.

Augenblicklich stellen sich Assoziationen an Flüchtlingslager (und andere Lager) ein. Noch beklemmender wird der Abend dadurch, dass beim Projekt auch 15 UMA (unbegleitete, minderjährige Asylsuchende) mitgemacht haben. Einige von ihnen stehen gemeinsam mit Schweizer Jugendlichen auf der Bühne und spielen im Theater einen Teil ihrer Biografie.

Auch Theater und Realität rücken plötzlich zusammen. Sogar als Zuschauerin wird man Teil davon, etwa im Lied «Erstarrung». Da heisst es: «Ich such im Schnee vergebens nach ihrer Tritte Spur». Und tatsächlich suchen die Darsteller den Boden ab, wobei sie auch unter den Wolldecken des Publikums nachsehen.

Es sind solche Scharniere, die Astride Schlaeflis Inszenierung eine besondere Magie verleihen. Billig-Plastiksäcke verwandeln sich da in poetisches Schneegestöber, das Klopfen von Kieselsteinen in «Gefrorene Tränen», das Tropfen leckender Wasserdepots in Herzklopfen, ja selbst die behelfsmässigen Zelte in ein Schattentheater voller Zauber. Was eben noch Beklemmung war, wird unversehens zu Verzauberung – oder umgekehrt.

Das passt zu Schuberts Musik, die sich von Liebe und Leidenschaft in totale Trostlosigkeit stürzt. Statt original mit Männerstimme und Klavier singt in dieser «Winterreise» Sopranistin Irina Ungureanu – mit glasklarer Schönheit sowie ungekünsteltem Ausdruck - und sie singt nicht alleine.

In den Arrangements von Regisseurin Astride Schalefli sowie von Anna Trauffer und Michael Schneider stimmen weitere Stimmen in die Lieder mit ein – summend, singend oder trostlos trötend. Ein tiefes Cello unterstützt akustisch die Dunkelheit, in der die Hunde bellen; ein einsames Glockenspiel lässt Erinnerungen an glückliche Tage anklingen (musikalische Leitung: Anne-Cécile Gross).

Aus Klavierlied wird Kosmos

Das romantische Klavierlied fächert sich dadurch auf zu einem Kosmos, tönt einmal – mit Tuba und Trommel - nach Guggenmusik, einmal – mit Saxofonen und Tuba – nach einem musikalischen Trauerzug, wie man ihn von Jazz Beerdigungen in New Orleans kennt. Mehr Dreck ist in dieser Winterreise, diesem Winter, dieser Reise als im Original von 1827.

Und auch mehr Drastik. Etwa, wenn sich Metallpritsche an Metallpritsche reiht, alle bedeckt mit einer Kunststoffblache. Wo ist man gelandet: in einem Lazarett oder einer Leichenhalle? Auf einer der Pritschen ist die Blache zurückgeschlagen, darauf ein Mensch, ein Toter, den Mund offen. War niemand da, oder hat sich einfach niemand die Mühe genommen, ihm das Kinn hoch zu binden?

Doch mitten in dieses Elend schimmert plötzlich ein leiser Akkord. Auf den anderen Pritschen liegt nämlich je ein Mensch, in der Hand ein Wasserglas. Auf diesem spielt er oder sie einen Ton. Einsam mögen sie sein unter den Kunststoffblachen der Metallpritschen. Aber ihre einzelnen Töne ergeben zusammen einen Akkord. Zart, zerbrechlich und wunderschön.

Aarau, Alte Reithalle. «Winterreise. Ein grenzüberschreitendes Musiktheater». Die Vorstellungen sind ausverkauft. Darum gibt es eine Zusatzvorstellung am Sonntag, 24.2., um 17 Uhr.