Schrundig, schnarrend, stampfend

Der Nordengländer Richard Dawson singt mit faszinierend-halluzinogener Wirkung von den Schattenseiten des Lebens. Seine schlingernden Stücke werden im St. Galler Palace zu hören sein.

Marc Peschke
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Richard Dawson (Bild: pd)

Richard Dawson (Bild: pd)

ST. GALLEN. Bei den Folkies, Singern und Songwritern dieser Tage scheint die Sonne. Das Leben ist schön, rufen sie uns zu – und singen schöne Lieder darüber. Seltener hören wir abgründige Klänge, Dunkles, Düsteres. Nicht so bei dem Nordengländer Richard Dawson, der gerade sein Album «Nothing Important» beim legendären Label Domino Records herausgebracht hat.

Schimmernde Mini-Epen

Stücke wie «The Vile Stuff» sind abseitige, schimmernde Mini-Epen: Man hört schrundige Folkgitarren, schnarrende Saiten, einen stampfenden Rhythmus, schräge Töne, dazu einen atonalen, etwas betrunken wirkenden Gesang – und das Ganze endet nicht bei den üblichen dreieinhalb Minuten. Im Gegenteil: Die Stücke ufern aus, dümpeln vor sich hin. 10, sogar 15 Minuten. Und es ist grossartig.

In der nordenglischen Pub-Musikszene ist Dawson bereits ein bekannter Typ, doch sein unkonventioneller Folk-Ansatz gehört eigentlich auf die grossen Bühnen: Ein bisschen an den ganz jungen Beck erinnert Dawson – die Bezüge zur New Yorker Anti-Folk-Szene, zu Künstlern wie Daniel Johnston sind augenfällig. Die rauhe Energie des Punk steckt in dieser Musik, aber auch die Einflüsse der Folkszene der frühen 1960er-Jahre im Greenwich Village oder die Destruktionsmusik von Captain Beefheart.

Brachialer Experimental-Folk

Richard Dawsons bisweilen brachialer Experimental-Folk ist Musik eines verschrobenen Sonderlings aus Newcastle, dem man nicht nur beim Musizieren zuschauen möchte, sondern den man gerne am Tresen beim Bier kennenlernen würde. Beides könnte im Palace möglich sein, wo er sein Werk «Nothing Important» vorstellt.

Die Geschichten, die er uns in seinen Songs erzählt – da muss man den Text gar nicht verstehen, das hört man auch so –, die kommen nicht von der Sonnenseite des Lebens. Angst. Trauer. Tod. Darum geht es in diesen schlingernden, holpernden Stücken, die, obzwar ihnen jeder Wohlklang abgeht, von faszinierender, ja halluzinogener Wirkung sind. Im Vorprogramm zu Gast sind Anaheim mit ihrem staubigen Western-Valium-Country.

Do, 23.4., 21 Uhr, Palace, St. Gallen