Schrulliger Querkopf gegen den Zeitgeist

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Jan BachmannMühsam. Anarchist in Anführungszeichen. Edition Moderne, 96 S., Fr. 26.–

Anarchist, Dichter, radikaler Kriegsgegner, 1934 von den Nazis ermordet – ein tapferer Held und ein lächerlicher Querkopf: Erich Mühsam sei eine ideale Comic-Figur, befand der Basler Zeichner Jan Bachmann. Und schafft zeichnerisch mit skurrilem Humor den Spagat zwischen Schrulligkeit der Figur und eindringlichem Zeitporträt. Mühsam, 1878 in Berlin geboren, war ein «verschuldetes Bürgersöhnchen mit poetischen Ambitionen», schreibt Bachmann im Vorwort. Ein Jahr im Leben dieses Sonderlings hat er nachgezeichnet. Die umfangreichen Ta­gebuchaufzeichnungen dienten ihm als Vorlage. Es ist 1910, der kränkliche Mühsam verbringt Monate in Sanatorien, wo er gelangweilt, geplagt von Darmspülungen, gekränkt über abgelehnte Gedichte lebt, dann in halb­herziger Verliebtheit und mit hochtrabenden Polit-Fantasien in München. Der stets grau gekleidete, empfindsame Mühsam ist von Bachmann mit verdutzten Glotzaugen und immer wieder klaustrophobischen Perspektiven in knallbunte Kulissen gesetzt.

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Hannes Richert Comics für den gehobenen Pöbel. Edition Moderne, 88 S., Fr. 32.–

Satirische und blödelnde Grossstadtgeschichten

So spöttisch der Titel «gehobener Pöbel», so absurd die Alltagsszenen von Hannes Richert. Seine Bildergeschichten erscheinen im Berliner Stadtmagazin Zitty und haben dort mit ihrem bizarren Humor die ideale Bühne. Richert hat kein fixes Ensemble, er zeichnet ein zeitgenössisches Panorama der Schrulligkeiten mit namenlosen Figuren. Deren Körper gleichen eher Gurken mit halslosen, ovalen Köpfen. Sie gucken verdattert drein, wenn sie wegen ihres Schuhfetischismus beim Psychiater sitzen, dem Sohn ihre Sockensammlung vererben oder als Sonnenanbeter mit Nazi-Tattoo freundlich winken. Die lächerliche Überheblichkeit doofer Moralisten und Pädagogen karikiert Richert, wenn seine Figur einem Bettler Geld gibt mit dem Spruch: «Nicht für Bier ausgeben, nur für Möbel!», die Mutter ihrem jugendlichen Sohn einen Gangster-Rap reimt oder Eltern dem Sohn ein Nabelschnur-Album schenken. Richert zeichnet mal satirisch, mal blödelnd. Die meist wortreichen Comics sind so absurd, dass man sie besser häppchenweise konsumiert.

Hansruedi Kugler