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Schritt für Schritt nach innen – und himmelwärts

Auf Pilgerschaft begibt sich die diesjährige Festspielchoreografie «Peregrinatio» in der Kathedrale. Ein Gespräch mit der Tänzerin Robina Steyer und der Pilgerin Hildegard Aepli über Einsichten und Grenzerfahrungen beim «Beten mit den Füssen».
Bettina Kugler
Robina Steyer und Hildegard Aepli in der Kathedrale. (Bild: Michel Canonica)

Robina Steyer und Hildegard Aepli in der Kathedrale. (Bild: Michel Canonica)

Ihre Füsse stecken in leichten Schuhen, ihr Schritt ist fest und beschwingt. Mehrere tausend Kilometer ist Hildegard Aepli, Pastoralassistentin und Mitarbeiterin des Bistums St. Gallen, als Pilgerin unterwegs gewesen, zuletzt von St. Gallen nach Rom, mit einem Umweg über Assisi. 1200 Kilometer waren es. Im Rucksack hatten sie und ihre Mitpilgerinnen eine Bittschrift an den Papst für eine «Kirche mit den Frauen»: für mehr Mitsprache und einen Dialog auf Augenhöhe. Als die Gruppe Anfang Juli 2016 am Petersdom eintraf, liess Papst Franziskus sich ferienhalber entschuldigen. Für die «Kirche mit den Frauen» ist Hildegard Aepli immer noch unterwegs.

Am Ziel Schmerz und Glück «wie bei einer Geburt»

Eine ungeahnt heftige Erschütterung erlebte die heute 55-Jährige 2011 nach 4300 Kilometern in der Grabeskirche zu Jerusalem, am Tag vor Weihnachten. Sieben Monate Fussmarsch lagen hinter ihr und ihren drei Weggefährten. «Ich trat ein und hörte die Klänge der Orgel – nach so langer Zeit zum ersten Mal wieder. Da konnte ich nur noch heulen. Ich war überwältigt von Schmerz und Freude, wie bei einer Geburt.»

Robina Steyer kennt dieses Gefühl von Premieren, wenn sich nach dem Schlussapplaus tiefes Glück und Erleichterung mit den Nachwehen der körperlichen Anstrengung jäh mischen. Die Strapazen der wochenlangen Proben, die Anspannung und Nervosität fallen ab, sie weichen der Euphorie des Gelingens. «Doch auch die Leere danach ist mir vertraut, besonders wenn ich selbst viel von mir in das Stück eingebracht habe. Ich leide dann umso mehr darunter, dass es nie fertig und vollkommen sein kann.»

Die deutsche Tänzerin gehört mit 34 Jahren zu den ältesten Mitgliedern in Beate Vollacks Kompanie. Sie hat schon 2016 in «Rosenkranz» getanzt, die Kathedrale als spirituelle Bühne schätzen gelernt. Nebenbei choreografiert sie auch selbst. Gepilgert ist Robina Steyer noch nie, abwegig erscheint es ihr jedoch nicht. Vielleicht, weil das «Beten mit den Füssen» viel zu tun hat mit ihrem Alltag und ihren Sternstunden als Tänzerin. Das beginnt mit dem Ruf, der Berufung. «Ich habe mir nie ein Pilgerprojekt gesucht. Sie sind immer an mich herangetreten», sagt Hildegard Aepli. Ziele stecken sich Wanderer. Für die Theologin war selbst ihr Weg mit dem Brustkrebs vor zwei Jahren eine Pilgererfahrung.

Kraft zum Weitergehen kommt von innen

Robina Steyer kam über die Liebe zur klassischen Musik zum Tanz; als Frau eher spät, wie sie sagt: mit zwölf. Sie ist ihrem innersten Wunsch gefolgt, musste den Weg dann jedoch selbstständig finden – das brauchte Kraft. Heute kommt ihr diese Erfahrung zugute, vor allem in anstrengenden Zeiten. «Der Beruf setzt enorm viel Selbstdisziplin voraus. Sie aufzubringen, Tag für Tag aufzustehen, Schmerz und Müdigkeit im Training zu überwinden, das müssen wir aus unserem Inneren holen.» Robina Steyer empfindet es als eine Form von Spiritualität.

«Wir haben uns morgens, wenn wir meist noch vom Vortag erschöpft waren, mit dem Satz aufgemuntert: Wir erholen uns laufend», sagt Hildegard Aepli. Im Buch «Vier Pilger – ein Ziel. Zu Fuss nach Jerusalem» (mit Esther Rüthemann, Christian Rutishauser und Franz Mali) beschreibt sie ungeschönt ihre inneren Kämpfe, als ihr unterwegs bewusst wurde, dass sie die körperlich Schwächste der Gruppe war. «Ich haderte mit mir, spürte aber auch, dass ich Macht habe, das Tempo vorzugeben. Damit umzugehen, das musste ich erst lernen.»

Als Teil einer Gruppe zu Fuss auf ein Ziel hinzuarbeiten, das Ego dabei zurückzunehmen, den Körper und sein Können in den Dienst der Kunst zu stellen: So erlebt Robina Steyer die Arbeit in der Kompanie, in hautnahem Miteinander. Jede Produktion hat etwas von einer Pilgerreise. «Peregrinatio» wird besonders herausfordernd sein, weil die Tänzer durchgehend zu sehen sind. Pausen und Abgänge gibt es keine. Für die Tänzerin ist der Weg das Ziel. Die Pilgerin sieht es, wenn sie zur Kuppel der Kathedrale aufblickt, in den offenen Himmel.

Premiere am Mittwoch 4.7., 21 Uhr, Kathedrale St. Gallen.

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