Schrille Untote der Stickerei

Die Uraufführung von Rebecca C. Schnyders «Erstickte Träume» war auch eine Geschichtslektion, aber vor allem eine schrille, coole, spassige, böse und sehr unterhaltsame Revue: Sie führt ins Reich der selbstherrlichen Stickerei-Untoten.

Hansruedi Kugler
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Stickereigeschichte als schrille Revue: Die verstorbenen Gralshüter der traditionellen Stickerei halten als Untote Gericht über den Schuldigen ihres Niedergangs. (Bild: Tine Edel)

Stickereigeschichte als schrille Revue: Die verstorbenen Gralshüter der traditionellen Stickerei halten als Untote Gericht über den Schuldigen ihres Niedergangs. (Bild: Tine Edel)

Lange ist sie schon vorbei, die St. Galler Stickereiblüte. Trockene Ökonomen würden ihren Niedergang achselzuckend mit «Klumpenrisiko» kommentieren. Der Einbruch nach dem Ersten Weltkrieg traf die Stadt, die Arbeiter, die Unternehmen schwer. Die St. Galler Autorin Rebecca C. Schnyder packt das Thema mit frischem Blick und frecher Theatralik an. Hier wird kein betuliches Sozialdrama gezeigt, sondern eine schwungvolle, bitterböse und sehr schlaue Revue mit überraschend klarem Urteil.

Untote als Steptänzer

Selbstgefällig und vital steppt Isaak Gröbli über die Bühne – ein cooler Variété-Direktor, von Bruno Riedl energisch und toll gespielt. Gröbli, der längst verstorbene Erfinder der Schifflistickmaschine, ist der selbstherrliche Hohepriester der Untoten: leichenblass, mit Gehstock und Zylinder, in schwarz gesticktem Frack gewandet. Zusammen mit seinem bucklig devoten Sohn Joseph (Tobias Fend) bildet er ein wunderbar morbides Duo, herrliche Karikaturen im Jenseits. Zu ihnen, ins schrille Totenreich der Stickereihelden, gerät Alex, der naive Optimist aus der Gegenwart (Dominik Kaschke). Er, der mit seiner Nanotechnologie die Textilindustrie in die Zukunft führen will, aber von den dumpfbackigen Bankern («Vorsicht, das ist das Prinzip») keinen Kredit bekommt. Regisseurin Elisabeth Gabriel inszeniert das Reich der Untoten als knallig-laszive Revue und als ewigen Abgesang auf die vergangene Stickereiblüte. Das hat Wucht, macht Spass und überhöht die triste Wirtschaftsgeschichte in eine groteske Karikatur. Knalliges Theater!

Ironische Lobhudelei

Das Bühnenbild lässt einen vorerst eine museale Geschichtslektion befürchten: Unter Lampenschirmen hängen Schneiderpuppen, im Hintergrund steht eine Handstickmaschine und eine Dia-Show textet uns mit Werbeslogans zu. Man versteht sofort die Ironie der aufgesetzt säuselnden Lobhudelei: «Von Beginn an ein Erfolg», «Global ein unauslöschliches Image». Dann aber geht die Revue los, die sich schon zu Beginn mit einem lustigen Einfall als Spiel deklariert: Zwei Kinder streiten sich um Panini-Bildchen («Ich geb dir Gröbli gegen den FC St. Gallen»).

Krieg ist bloss Sündenbock

Zielstrebig steuert die Inszenierung dann auf den Vorwurf zu: Der Schwung fehlt in den Köpfen der Unternehmer, die Herren kleben an der Tradition und verhindern jede Veränderung. Das ist heute, das war früher so. Im Jenseits verurteilt ein Tribunal der hohen Herren Jahr für Jahr den Krieg: «Wir waren machtlos. Der Krieg war schuld.» Der Krieg tritt dann selbst als Person auf (Julian Sigl): mit Gasmaske, Mantel, Pistole – und mit verschmiertem Lippenstift und in Strapsen. Klar: Wir sind im Bordell der Werte, der zynischen Moral der Wirtschaft angekommen. Drum reiben sich auch die Museumsführerinnen lasziv und lüstern am verdatterten Alex. Das knallt uns so herrlich schrill entgegen, dass man sich grad fühlt wie in der «Rocky Horror Picture Show». Und wenig später in einem Stück von Ibsen: Dann, wenn die Söhne den Vätern Verlogenheit vorwerfen. Statt auf die Krise zu reagieren, haben die satten Unternehmer teure Bordeaux-Weine gekauft. Der Krieg dienst als Sündenbock.

Die Nadel durch die Hand

Vielleicht die stärkste Szene hat eine Arbeiterin («Wir sticken, hungern, frieren»): Sie sticht sich wieder und wieder mechanisch die Nadel durch die Hand, das Blut tropft und tropft. Später auch noch wegen der Tuberkulose ins blutige Taschentuch, das eine Museumsführerin dem Publikum vor die Augen hält («geschädigt, verkümmert»). Schnyder nimmt das Thema gekonnt wörtlich: «Erstickte Träume» ist aber alles andere als depressiv, sondern eine kraftvoll provokative Revue.