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Schreibt, seit sie schreiben kann

Sie twittert und bloggt, nutzt Facebook und schreibt an ihrem zweiten Buch, sie arbeitet als Fachfrau Betreuung und entrümpelt das Haus ihrer Grosseltern. Zora Debrunner sprüht vor Energie – Schreiben ist für sie Psychohygiene.
Dieter Langhart
Nominiert für den Grimme Online Award 2014 mit ihrem Blog «Demenz für Anfänger»: Zora Debrunner in Köln. (Bild: Sascha Erni)

Nominiert für den Grimme Online Award 2014 mit ihrem Blog «Demenz für Anfänger»: Zora Debrunner in Köln. (Bild: Sascha Erni)

FELBEN-WELLHAUSEN. Wer Zora Debrunner hört, mag an Kurt Helds rote Zora denken. Zora Debrunner hat mit zwanzig rote Haare getragen, «raspelkurz», wie sie in ihrem Blog Demenz für Anfänger schreibt. Seit zwei Jahren bloggt die 37jährige Thurgauerin über ihre demenzkranke Grossmutter: einfühlsam, persönlich und mit viel Weltsicht. Mit ihrem Blog hat sie im Juni beinahe den Grimme Online Award gewonnen. Enttäuscht? «Nein, ich habe trotzdem gewonnen und viel Wertschätzung erfahren.»

«Danke, dass du das teilst»

In Deutschland haben Thema und Sprache ihres Blogs eingeschlagen, sagt Zora Debrunner. «Danke, dass du das teilst», sei ihr in Interviews bedeutet worden. In der Schweiz reagierten Menschen anders, könnten oft nicht verstehen, dass sie Intimes teile und öffentlich mache, empfänden es als Bedrohung, wenn sie übers Sterben schreibe. «Ich erfahre, dass Menschen erleichtert sind über die Nähe und darüber, dass ich offen über meine Gefühle rede. Und dann erzählen Leserinnen über ihre eigenen Erfahrungen.»

Was hat Zora Debrunner dabei geholfen? «Meine Oma hat eine hohe Lebensqualität, ihre Demenz ist keine Abwertung, ist Teil ihres Lebens – und es ist ihr Leben. Sie ist verantwortlich für sich wie früher.»

Ein Krimi für eine junge Frau

Zora Debrunner (ein Pseudonym übrigens) ist auch in andern sozialen Medien sehr präsent. Sie twittert auf Teufel komm raus, die Ostschweiz am Sonntag hat sich mit ihr zum fünfzigtausendsten Tweet unterhalten; Facebook nutzt sie gezielt, oder parallel, aber weniger intensiv. Und jetzt ist ihr erstes Buch erschienen.

Die junge Protagonistin, Privatdetektivin Lavinia Morgan, lebt im England der Zwanzigerjahre. «Ich mag alte Krimis wie jene von Agatha Christie, sie sind tiefgründig und sagen immer etwas über das Leben aus. Ich schreibe, seit ich schreiben kann, die Idee zum Buch kam mir vor acht Jahren.» Sie wollte, dass Frauen vorkommen, aber keine siebzigjährige Miss Marple und keine aus der heutigen Zeit. «Die Jahre zwischen den Weltkriegen sind eine spannende und freie Zeit: ohne Korsett für die Frauen, aber trotz freier Liebe auch altmodisch und etwas skurril.»

Ist Zora Debrunner ein nostalgischer Mensch? «Total! Ich hätte schon in der Schule gern Kleider aus den Vierzigern getragen – oder Bubenkleider, aber im Seebachtal war das etwas schwierig, auch meine Eltern waren dagegen.» Sie liebte die alten Filme, ging 1998, mit neunzehn, nach Berlin, wo jene Zeit noch präsenter war.

Schreiben als Ventil

Es scheint, als sei Zora Debrunner fortwährend am Schreiben neben ihrer vollen Stelle. «Schreiben ist für mich Psychohygiene, ein Ventil, und wenn ich längere Zeit nicht schreiben kann, geht es mir nicht gut.» Lesen gelernt hat sie lange vor der Schule – mit ihrem Vater und der Thurgauer Zeitung.

Je Blockaden? «Ich kann mich jederzeit hinsetzen und schreiben.» Wie schreibt sie? «Ich habe ein klares Bild von meinen Figuren. Die Eindrücke des Tages wirken nach, am Abend fliesst und schreibt es. <Lavinia Morgan> hatte ich in einem Monat fertig.» Im Bett schreibt sie Tagebuch, anderes am Schreibtisch oder unterwegs mit dem Laptop. Und manches schreibt sie mit Mindmaps. Ihr Freund sagt, sie sei sehr fokussiert. «Selbst wenn ihre Katze brennend durch die Stube liefe, bliebe sie völlig konzentriert.»

Viele Leser sagen, sie seien mit den 470 Seiten in zwei Tagen durch – und fragten, wann der zweite Teil folge. Also wann? «Ich weiss es nicht, ich habe keinen Vertrag.» Der Grundentwurf des Buches war zuerst als täglicher Lavinia-Morgan-Blog auf Twitter erschienen; es sollte erst nur als e-Book erscheinen, Crowdfunding ermöglichte den Druck. Und dann rückt sie heraus: «Demenz für Anfänger» erscheint bei einem renommierten Verlag in Deutschland.

«Klarheit über das Leben»

Im Februar will sie mit ihrem Freund ins Toggenburg ziehen, ins Haus ihrer Grosseltern, das sie derzeit von Kleidern, Unnötigem und auch Erinnerungsstücken befreien. Zora Debrunner bleibt in ihrem Beruf und ebenso beim literarischen Schreiben. Sie hat sich als Schreibpädagogin weitergebildet und will auch einen Kreis schliessen und Angehörigen von Demenzkranken helfen, zu ihren Familiengeschichten vorzudringen. «Das setzt viel Energie frei und gibt Klarheit über das eigene Leben.»

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