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Erfolgsautor Charles Lewinsky: «Wenn ich eine Botschaft verschicken will, gehe ich auf die Post»

Charles Lewinsky hat das Buch der Stunde geschrieben. Sein neuer Roman «Der Stotterer» handelt von einem Mann, der das Handwerk des Schreibens perfekt beherrscht und damit die Welt manipuliert.
Interview: Anne-Sophie Scholl
«Wir sind nicht in der Lage, uns selber daran zu erinnern, wie etwas wirklich gewesen war»: Charles Lewinsky. (Bild: Claudia Thoma (Zürich, 12. März 2019))

«Wir sind nicht in der Lage, uns selber daran zu erinnern, wie etwas wirklich gewesen war»: Charles Lewinsky. (Bild: Claudia Thoma (Zürich, 12. März 2019))

Was macht für Sie eine starke Geschichte aus?

Charles Lewinsky: Dass man über sie nachdenken kann. Aber wenn ich ein Buch schreibe, will ich damit kein bestimmtes Denkergebnis erreichen. Dafür sind Bücher nicht gemacht. Wenn ich eine Botschaft verschicken will, gehe ich auf die Post.

Bereiten Sie sich auf Interviews vor?

Ich schaue, wann ich wo sein muss. Aber nein, ich habe mich noch nie auf ein Interview vorbereitet. Ich weiss ja nicht, was man mich fragt.

Oft doch dasselbe.

Oder doch sehr Ähnliches, das lässt sich wohl nicht vermeiden. Ich erinnere mich an einen Morgen in Amsterdam: Ich musste Interviews im Stundentakt geben und habe nur noch vollautomatisch geantwortet. Plötzlich fragt mich eine Journalistin: Wenn Sie keine Hände mehr hätten, was würden Sie machen? Boing – da bin ich aufgewacht. (lacht)

Ein guter Tipp. Sie gelten als vielseitiger Autor. Wollten Sie im neuen Buch Ihre Vielseitigkeit vorführen?

Ich bin ja kein Eiskunstläufer, der eine Kür mit dreifachem Salto zeigen muss. Aber: Jede Geschichte hat ihre eigene Form. Das Schwierigste ist für mich immer, die Form und die Sprache zu finden, die zu genau dieser Geschichte passt. Im Roman geht es um einen, der furchtbar stolz auf seine sprachlichen Fähigkeiten ist. Deshalb muss man diese Fähigkeiten zeigen.

Ursprünglich wollten – oder sollten Sie etwas anderes schreiben. Was?

Mein Freund Thomas sagt mir seit Jahren, ich solle ein Buch darüber schreiben, wie die Seidenraupen im Mittelalter aus China rausgeschmuggelt wurden. Einmal haben wir zusammen spintisiert, was in einem solchen Roman drinstehen müsste. Dabei kam ich auf einen Verbrecher aus dem Mittelalter, der gelogen hatte und dem man deswegen die Zunge rausgeschnitten hat. Das war die Urzelle vom Stotterer. Von ihm blieb, dass er sich mündlich nicht mehr gut äussern konnte.

Schriftlich kann sich Ihr Stotterer enorm gut ausdrücken. Er bewegt sich zwischen zwei Polen: der Bibel und dem Philosophen Arthur Schopenhauer…

… um Ihre nächste Frage gerade zu beantworten: Nein, ich bin weder ein Bibel- noch ein Schopenhauerfachmann!

Haben Sie sich in Schopenhauers Werk neu eingelesen?

Das musste ich halt, zum Schreiben gehören Hausaufgaben. Schopenhauer ist eine so schöne Gegentradition zur Bibel, deshalb war es sinnvoll, dass der Stotterer diese kennt.

Seine Gedankenwelt ist erbarmungslos. Wie stehen Sie dazu?

Die Bibel und Schopenhauer sind gar nicht so weit auseinander. Bloss: Schopenhauer erzählt nur seine Schlussfolgerungen. Die Bibel erzählt Geschichten. Deshalb ist eine Figur, die in diesen beiden so unterschiedlichen Welten zu Hause ist, interessant. Aber Sie können einen Autor nur fragen, wie die Figur dazu steht. Die Meinung des Autors kann eine ganz andere sein. Wenn man das nicht trennt, landet man irgendwann bei der wahnsinnigsten Frage, die mir tatsächlich einmal gestellt wurde: Die Hauptfigur Ihres Romans ist ein Pädophiler, fragte ein Moderator vor versammeltem Publikum, sind Sie das?

Im Buch geht es auch stark um Sprache und Wahrheit.

Der Stotterer verwendet Sprache ohne Rücksicht auf Wahrheit. Er stellt Wahrheit her, wie er sie braucht.

Darüber hinaus stellt Ihr Roman die Frage, wie sehr alle Arten von Erzählungen manipuliert sind.

Wer die Macht über die Publikation hat, hat auch die Macht über die Wahrheit. Das ist so. Deshalb wird Geschichte ja auch immer als Geschichte des Siegers erzählt, die anderen sind nicht mehr zu Wort gekommen.

Wie weit gibt es überhaupt Wirklichkeit jenseits der Sprache?

Wir sind nicht in der Lage, uns selber daran zu erinnern, wie etwas wirklich gewesen war. Wir können uns nur daran erinnern, wie wir etwas das letzte Mal erzählt haben. In dem Sinn gibt es eigentlich keine beschreibbare Wirklichkeit. Es gibt nur die eines jeden Einzelnen. Aber auch innerhalb der Sprache gibt es keine absolute Wahrheit. Wir stellen sie her, indem wir sie beschreiben. Wenn Sie zum Beispiel das viktorianische England nehmen: Das ist in unseren Köpfen unterdessen so, wie der Schriftsteller Charles Dickens es beschreibt, wir können es uns gar nicht mehr anders vorstellen. Aber es war natürlich nicht so, auch Frankreich war nicht so, wie es Balzac beschreibt, und das Emmental nicht, wie es Gotthelf beschreibt. Die wirklich starken Schreiber schaffen eine neue Wirklichkeit.

Ihr Buch war schon fertig, als der Spiegel-Journalist Claas Relotius aufflog, der seine Reportagen gefälscht hatte.

Ich habe ihn nicht als Werbeträger angestellt. Ich habe auch nicht Herrn Trump ins Amt geführt, um über die Macht der publizierten Lüge etwas zu sagen. Relotius hat sehr gute Geschichten erzählt. Aber er hat behauptet, es sei die Wirklichkeit. Journalismus ist ein anderes Spiel als Literatur und hat andere Regeln.

Der Trend zum Storytelling in den Medien steht seit dem Auffliegen von Relotius in der Kritik.

Das Storytelling ist bloss Kulisse; jeden Bericht als Geschichte aufzumachen, kann der Geschichte nur schaden. Die Medien sollten Informationen und Analysen vermitteln. Aber das ist das Problem, wenn Journalismus nach Klickzahlen bestimmt wird.

Mit so einer Geschichte gewinnt Ihr Stotterer einen Wettbewerb.

Das ist die Geschichte, die meine Leser am meisten berührt, das weiss ich aus ersten Reaktionen. Obwohl im Buch deutlich gesagt wird, dass sie aus reinem Zynismus entstanden ist. Der Stotterer überlegt sich, auf was seine Leser besser reagieren, weil er etwas erreichen will.

Ist er eine böse Figur?

Man weiss bei ihm nie, was wahr und was nicht wahr ist. Ich weiss es auch nicht. Er hat gute Seiten und er hat ganz miese Seiten – er ist eine lebendige Figur. Nur in schlechten Büchern gibt es gute Leute, die einmal in jedem Kapitel ein weisses Kätzchen auf dem Baum retten. Aber das ist uninteressant.

Aus Ihrem Roman könnte man herauslesen, dass Schriftsteller dank ihren sprachlichen Fähigkeiten eine andere Wahrheit anregen können.

Das ist mir zu hoch. Es gibt diejenigen, die Geschichten schreiben, und dann gibt es Literaturseminare, die wahnsinnig kluge Dinge draus herauslesen. Wenn ich in so einem Seminar eingeladen bin, denke ich immer: Toll!, genial!, das habe ich mir nie überlegt.

Sie kommen von der Unterhaltung. Wo ist der Unterschied zu Literatur?

Ich komme vom Theater und bin durch einen beruflichen Zufall ein paar Jahre bei der Unterhaltung gelandet. Aber die Trennung zwischen E und U ist Unfug. Das gibt es nur im deutschen Sprachraum. Wenn es einen Unterschied gibt, dann nur in den Bedingungen, unter denen ein Text entsteht. Wenn ich fürs Fernsehen geschrieben habe, hatte ich einen klar definierten Auftrag zu erfüllen. Wenn ich ein Buch schreibe, habe ich keine Vorgaben ausser denen, die ich mir selber gebe.

Welche sind das?

Das weiss ich doch vorher nicht! Ich fange mal an zu schreiben und denke, das ist eine Geschichte von 200 Seiten, und irgendwann bin ich auf Seite 400 und staune immer noch. Ich bin dann auch mein eigener Abnehmer.

Sie schreiben für sich selber?

Ich schreibe schon für die Leser, aber ich würde sofort davon laufen, wenn mir ein Verleger sagen wollte, was ich schreiben soll, wie lang es werden soll, wer das Zielpublikum sein soll. Und was ich auf der Bühne mache, ist wieder etwas völlig anderes. Das ist reines Hobby, reines Vergnügen! Dass die Zuschauer auch noch Freude daran haben, ist umso schöner.

Hinweis:
Charles Lewinsky: «Der Stotterer», Diogenes, 416 Seiten, Fr. 32.–

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