Schreiben und schwimmen bis zur gelben Boje

Bettina Kugler
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Walsers Wurzeln Mitte der Sechzigerjahre liebäugelt Martin Walser mit der Idee, ein Grossstädter zu werden. Im «Tagesspiegel» studiert er die Immobilienseiten; mit Ehefrau Käthe und den Töchtern will er zügeln – nach Berlin. Doch einer ist stärker: der Bodensee. Könnte man sich die Novelle «Ein fliehendes Pferd» am Wannsee spielend vorstellen? Einen Roman wie «Das Einhorn» im Ballungsraum Berlin? Nein, Martin Walser und der Bodensee gehören zusammen.

Nicht, dass er in seiner alemannischen Heimat fest «verwurzelt» wäre, wie oft behauptet wird. Dem widerspricht er gern und verweist auf die 150 Reisetage im Jahr, die er noch immer wacker absolviert, für Lesungen, Buchtaufen und Walser-Feierlichkeiten aller Art. Kaum konnte er es erwarten, aus seinem neuen Werk «Statt etwas oder Der letzte Rank» zu lesen, dem Geschriebenen Stimme und Körper zu geben. Er reist also wieder munter herum seit Anfang Januar. Gleichzeitig wird er sich sehnen nach dem launischen, wetterwendischen Lebensfreund, der ihn neunzig Jahre lang am südlichen Rand der Republik festgebannt hat wie ein Magnet.

Sein Sprachsaft: Seealemannisch

Die sanft hügelige Landschaft, der Blick auf die «Glucke Säntis», der See, der «alles mitmacht, was der Himmel gerade will» – diese Umgebung prägt und durchzieht sein immer noch kraftvoll und wild weiterwachsendes Werk. Hier hat Martin Walser genügend Distanz zum Weltgeschehen, in das sich einzumischen er nicht müde wird. Ob AfD oder Trump, Walser sagt seine Meinung. Anschliessend geht er schwimmen. Früher wetteiferte er mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld um die Zahl der Bahnen, wenn sie in Frankfurt gemeinsam schwimmen gingen. Lieber freilich hat er eine gelbe Boje als Ziel, zu Hause in Nussdorf, wo die Walsers nun mehr als fünfzig Jahre wohnen. «Verwurzelt» ist er allenfalls in der Sprache der Region, dem allgäuisch gefärbten Seealemannisch, Saft seiner unverwechselbaren Walserwörter, der schönen, biegsamen Sätze. Und dann ist da noch Walser, der Patriarch. 66 Jahre mit derselben Frau verheiratet, vier Töchter, ein unehelicher Sohn, Jakob Augstein.

Wie er zur Sprache fand, erzählt Martin Walser im Kindheitsroman «Ein springender Brunnen» (1998); dass Schreiben mit seinem Lieblingselement zu tun hat, ahnt man bei der Lektüre von Essays wie «Aufgeschriebene Zeit» (2004). «Schwimmend sind wir vollkommen im Jetzt», notiert er dort. «Sind etwas Schwebendes, Leichteres, Nirgendwohingehöriges. Allerdings sind wir doch äusserst verfügbar. Ohne Zen­trum, weil ohne Schwerpunkt. Endlich der Gleichgewichtsverpflichtung enthoben.» Dass er nie ohne den See hätte leben können, diese Äusserung taucht in fast jeder der vielen Selbsterkundungen auf, die Walser zu Papier gebracht oder einem der unzähligen Interviewer in einem medial dauerpräsenten Schriftstellerleben aufs Band gesprochen hat.

Grund genug für zwei kundige Walser-Leser, den Geburtstag des «Titanen» als Einladung zur literarischen Pilgerreise zu nehmen. 90 Bodenseeorte von A bis Z stellen Elmar Kuhn und Lorenz Göser in «Nirgends wär ich lieber als hier. Mit Martin Walser unterwegs am Bodensee» vor – und sie verweisen auf Fundstellen in Walsers Werk. Gut möglich, dass man dem Alten am einen oder anderen Ort begegnet. Oder dass er derweil gerade auf eine gelbe Boje zuschwimmt.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch