«Schreiben ist das pralle Leben»

Hansjörg Schneider ist 75 Jahre alt. 1993 erschien sein erster Roman mit Kommissär Hunkeler. Heute zählt Schneider zu den meistgelesenen deutschsprachigen Kriminalschriftstellern.

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Swiss author, playwright and crime writer Hansjoerg Schneider, pictured in Basel, Switzerland, on May 11, 2011. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Der Schweizer Schriftsteller und Theater- und Krimiautor Hansjoerg Schneider, aufgenommen in Basel am 11. Mai 2011. (KEYSTONE/Gaetan Bally) (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Swiss author, playwright and crime writer Hansjoerg Schneider, pictured in Basel, Switzerland, on May 11, 2011. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Der Schweizer Schriftsteller und Theater- und Krimiautor Hansjoerg Schneider, aufgenommen in Basel am 11. Mai 2011. (KEYSTONE/Gaetan Bally) (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

«Man wird nicht nur aus Wut Schriftsteller. Von meiner Generation haben viele diese Gefühle in sich. Wut ist nicht mein einziges Thema, aber sie kommt in meinem Werk immer wieder vor. Auch in meinen Hunkeler-Romanen stehen Szenen, die aus meiner Kindheit stammen», sagte der Schriftsteller Hansjörg Schneider in einem Interview. Er liest gern Chandler, Glauser, Simenon und Dürrenmatt und gehört inzwischen selbst zu den meistgelesenen deutschsprachigen Kriminalschriftstellern.

Der beliebte Kommissär Hunkeler

Hansjörg Schneider ist mit dem Aargauer und dem Basler Literaturpreis, später mit einem Preis der Schweizer Schillerstiftung für sein Gesamtwerk und 2005 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman ausgezeichnet worden.

Einem breiten Publikum wurde der Brecht-Liebhaber erst seit den Neunzigerjahren mit seinen Romanen um den kauzig-introvertierten Kommissär Peter Hunkeler bekannt. Ihren speziellen Reiz beziehen diese Romane durch den unkonventionellen Protagonisten, durch dessen eigentümliche Charaktermischung aus Starrsinn und Charme. Ein Ermittler, der allen Klischees zuwiderläuft und über den die junge Türkin Dilara in «Hunkeler und der Fall Livius» (2007) beinahe liebevoll befand: «Man müsste ihn ins Museum stellen.»

Viele Parallelen mit der Romanfigur

Hansjörg Schneider, der 1938 in Aarau geboren wurde, arbeitete nach dem Studium, das er 1966 mit der Promotion über den expressionistischen Lyriker Jakob van Hoddis abschloss, zunächst als Lehrer, Journalist und Regieassistent am Theater Basel. Obwohl er schon in jungen Jahren kontinuierlich Theaterstücke (die erste Aufführung war 1972 «Sennentuntschi» in Zürich), Romane und Gedichte geschrieben hatte, folgte der Karriereschub erst mit dem ersten Hunkeler-Roman «Silberkiesel» (1993).

Schneiders Protagonist Hunkeler, der in seinen Ermittlungsmethoden in den bisher erschienenen acht Romanen ein wenig an Simenons Maigret erinnert, trägt unübersehbare autobiographische Züge. Wie sein Schöpfer ist er in Aarau geboren, lebt nun aber auch in der Mittleren Strasse in Basel. Beide sind geschieden, und wie Schneider selbst ist auch sein Hunkeler ein Liebhaber der guten Küche und des erlesenen Weines, sie «teilen» überdies noch das Wochenend-Domizil im benachbarten Elsass, die Liebe zur Natur, die Abneigung gegen moderne Technik (Schneider schreibt immer noch auf einer Schreibmaschine) und ihre sozialdemokratische Gesinnung. Zuletzt hatte Schneider seinen Protagonisten zur Ermittlung ins Theatermilieu geschickt («Hunkeler und die Augen des Ödipus», 2010). «Wenn ich schreibe, geht es mir gut. Schreiben ist das pralle Leben», meinte Schneider im letzten Jahr nach der Uraufführung seines Theaterstücks.

Paraderolle für Mathias Gnädinger

Sehr beliebt in der Schweiz waren auch die Verfilmungen der Romane von Kommissär Hunkeler mit Mathias Gnädinger in der Titelrolle. Es sei die Rolle seines Lebens, sagte Gnädiger einmal in einem Interview mit der «Berner Zeitung». Gnädinger beschrieb Schneider so: «Es gibt viele Parallelen zwischen uns. Wir denken sehr ähnlich, sind beide Widder und fast gleich alt. Nur in Sachen Ordentlichkeit unterscheiden wir uns. Ich bin sehr pingelig, er ist eher ein Chaot.»

Plädoyer für die Aussenseiter

Pünktlich zum 75. Geburtstag von Hansjörg Schneider hat der Diogenes- Verlag den 1997 erstmals erschienenen Roman «Das Wasserzeichen» in der Taschenbuchreihe neu aufgelegt. Ein Roman, der uns einen völlig anderen Autor Schneider zeigt als in den Hunkeler-Krimis. Ende der Dreissigerjahre kommt am Rande der Schweizer Berge Moses Binswanger zur Welt. Die Hauptfigur in diesem Roman ist eine eigenartige Mutation aus Mensch und Fisch. Moses (der Name bürgt schon für archaisch-biblische Parallelen) hat am Hals eine lurchähnliche, kiemenartige Öffnung, die in regelmässigen Intervallen mit Wasser versorgt werden muss.

Schneider hält darin ein leidenschaftliches Plädoyer für die Aussenseiter in unserer Gesellschaft. Seine Sympathie für Moses Binswanger und dessen existenzielles Verhältnis zur Natur (er braucht das Wasser zum Überleben) ist unübersehbar, denn parallel zu Moses' Lebensweg zeichnet Schneider auch noch den strukturellen Wandel von der bäuerlichen, der Natur zugewandten Lebensweise zur hochtechnisierten Industriegesellschaft nach. Peter Mohr

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