Schreiben im Angesicht des Sprachverlusts

«Ich habe nie Zweifel daran gehabt, dass der Tod die vollkommene Selbstauslöschung ist», schreibt Wolfgang Herrndorf im Roman «In Plüschgewittern» von 2002. Acht Jahre später wird beim Berliner Autor ein Glioblastom diagnostiziert, der bösartigste aller Hirntumore.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
book (Bild: Martin Preisser)

book (Bild: Martin Preisser)

«Ich habe nie Zweifel daran gehabt, dass der Tod die vollkommene Selbstauslöschung ist», schreibt Wolfgang Herrndorf im Roman «In Plüschgewittern» von 2002. Acht Jahre später wird beim Berliner Autor ein Glioblastom diagnostiziert, der bösartigste aller Hirntumore. Drei Jahre, das ist weit über Durchschnitt, überlebt er den Tumor – durch Arbeit und Struktur, durch diszipliniertes Schreiben. «Arbeit und Struktur» heisst denn auch das Buch über den Umgang mit dem Krebs im Kopf. Auch wenn es oft beklemmend ist, dem Autor quasi beim Sterben zuzuschauen: Das Buch ist intensive Literatur in unsentimentaler Sprache. Herrndorf denkt fast sachlich über das Ende nach. Das Leiden, die Abgründe sind nur zwischen den Zeilen spürbar. Manchmal tönt's lakonisch, etwa wenn er schreibt: «Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spass.» «Arbeit und Struktur» zollt Respekt, auch vor der gnadenlosen Beschreibung des Unentrinnbaren. Herrndorf hat das Buch seinen 22 Ärzten gewidmet. Es ist auch ein Buch, das den Zeitgeist einfängt und Kulturleben und Literaturbetrieb oft kritisch kommentiert. Die stärksten Passagen gelingen Herrndorf bei der Beschreibung des Sprachverlusts, der für ihn dann auch die Grenze des noch lebenswerten Daseins setzt. Ein beeindruckendes Buch übers Sterben, aber auch über die Kreativität, die Herrndorf immer wieder gegen den Krebs entfacht. In der Leidenszeit schrieb er überdies seine beiden besten Bücher: «Tschick» und «Sand». Im August 2013 setzte Herrndorf seinem Leben ein Ende.

Aktuelle Nachrichten