Schöpfer des «St. Leopard» geehrt

Bernard Tagwerker wurde am Samstag der Grosse Kulturpreis der Stadt St. Gallen überreicht. Ausgezeichnet wurde das radikale Schaffen eines Künstlers, der seine Werke seit dreissig Jahren mit Hilfe des Computers und des Zufalls entstehen lässt.

Christina Genova
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Bernard Tagwerker im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. (Bild: Coralie Wenger)

Bernard Tagwerker im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. (Bild: Coralie Wenger)

ST. GALLEN. Die Welt, in der sich Bernard Tagwerker zu Hause fühlt, offenbart die schön gestaltete Einladungskarte zur Preisverleihung. Deren gesamter Text ist in binäre Codes übersetzt. Jeder Buchstabe des Alphabets besteht dabei aus einer aus Nullen und Einsen zusammengesetzten Sequenz. Binäre Codes bilden die Basis für das Funktionieren jedes Computers.

Ein stiller Schaffer

Bernard Tagwerker ist ein Pionier der Computerkunst. Schon in den 1970er-Jahren, während seiner New Yorker Zeit, experimentiert er mit Computern; 1983 schafft er sich den ersten eigenen Computer an. Am Samstagabend wurde dem 72jährigen Künstler im vollbesetzten Theatersaal der Lokremise der alle vier Jahre verliehene Grosse Kulturpreis der Stadt St. Gallen «für sein einzigartiges und progressives Schaffen» überreicht. Zuletzt wurde der mit 30 000 Franken dotierte Preis 2010 dem kürzlich verstorbenen Filmemacher Peter Liechti verliehen. Der nüchternen Aneinanderreihung von Einsen und Nullen entspricht auch Bernard Tagwerkers unaufgeregte Art. Er sei kein lauter Künstler, keiner, der im Rampenlicht stehe oder es auch nur wolle, wie Stadtpräsident Thomas Scheitlin in seiner Begrüssungsrede treffend bemerkte. Die fundierte, aber etwas zu sehr an eine kunsthistorische Abhandlung gemahnende Laudatio hielt Friedemann Malsch, der Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein.

Der grosse Erfolg, den Bernard Tagwerker mit der von 1973 bis 1975 entstandenen Werkgruppe «Bodensee und Säntis» hatte, war ihm derart suspekt, dass er sich zu einem radikalen Befreiungsschlag entschloss: Er übermalte sein gesamtes Werk mit Lackfarbe und ging nach New York. Dort begann er, sich systematisch mit dem Zufall auseinanderzusetzen. Den Verlauf einer Linie in einem Raster bestimmte er per Losentscheid, deren Farbe durch Würfeln. «Ich wurde damals immer skeptischer gegenüber ästhetischen Entscheidungen», sagte der Künstler später dazu.

1985, zurück aus New York, legt Bernard Tagwerker den Pinsel endgültig beiseite und lässt den Zufallsgenerator des Computers über seine Werke entscheiden. Ausgeführt werden sie von einem umgebauten Flachbettplotter.

Dem Zufall freien Lauf gelassen hat der Künstler auch bei der Anordnung der hellgrauen und gelben Fassadenelemente bei seinem bekanntesten und umstrittensten Werk, der Fassade des vom Volksmund «St. Leopard» getauften Geschäftshauses bei der St. Galler Leonhardsbrücke.

Radikale Kunst – radikale Musik

Doch wer hat nun die aus diesem Prozess entstandenen Bilder gemacht? Der Künstler oder der Computer? Es bleibt dem Betrachter nicht erspart, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, die sich nicht eindeutig beantworten lässt.

Eine eigentliche Dankesrede hielt der Künstler nach der Übergabe des von Alex Hanimann gestalteten Preises nicht. Wohl vor lauter Nervosität hatte der Künstler den Zettel mit seinen Notizen vergessen und musste improvisieren. Passend umrahmt wurde die Feier mit zeitgenössischer Klaviermusik des Schweizer Komponisten Edu Haubensak (Pianist: Stefan Wirth), dessen Zugänge zur Musik ebenso radikal sind wie jene Bernard Tagwerkers zur Kunst. Und der Kreis schliesst sich: Mit Haubensaks Bruder Pierre hatte Bernard Tagwerker einst sein New Yorker Atelier geteilt.