Schönheit, Schmerz und Seelenruhe

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Konzert Darf es Labsal fürs Ohr und eine Herzenslust sein, wenn es um Jesu Folter geht; wenn Weinen und Seufzer Motor der Musik sind? In der sicher bekanntesten Vertonung des «Stabat Mater» von Giovanni Battista Pergolesi aus dem Jahr 1736 gibt es allenfalls unterschiedliche Meinungen darüber, wie viel Brillanz, Dramatik und Emphase nötig sind, wie warm der Klang werden darf, wie tänzerisch die Tempi sein sollen – oder wie fahl, wie scharf und aufgeraut es tönen muss, um den Ausdruck nicht zu überzuckern. Die makellose Schönheit der Komposition wird das nicht ankratzen: So oder so bleibt Pergolesis «Stabat Mater» ein zutiefst anrührendes Werk. Zumal, wenn zugleich stilkundig und frei von vokalen Eitelkeiten musiziert wird, wie am Samstag im Barockkonzert zur Fastenzeit in der Schutzengelkapelle.

Sinnreich nahmen die Musikerinnen des Collegium Instrumentale der Kathedrale St. Gallen unter der Leitung von Michael Wersin an der Truhenorgel mit der Ouvertüre zu Händels «Jephta» den Grundton vorweg und schlugen einen thematischen Bogen zum Leiden der Gottesmutter. Bewusster Verzicht auf Brillanz schon hier: Das Leuchten entsteht so von innen.

Erst recht im dichten, stimmlich vollkommen ausbalancierten Miteinander von Kimberly Brockman und Altus Jan Börner. Subtil und unforciert sind ihre Ausdrucksmittel, mit feinem Pinsel gezeichnet, auch in den Stürmen der Tempi, den bohrenden Vorhalten und Dissonanzenschichten getragen von Seelenruhe. In welcher die Instrumentalstimmen und der Continuo lebhaft mitreden und mitweben: Als Ganzes war das ein Juwel geistlicher Kammermusik. (bk.)