«Schöner, wenn es nach Theater riecht»: Die  St.Galler Voyeure schauen «Die Physiker» auf YouTube

Normalerweise treffen sich die Voyeure einmal pro Woche und schauen ein Schauspiel oder Tanzstück an. Derzeit bleiben die jungen Theaterbegeisterten zu Hause und sehen sich dort Inszenierungen an, mit anschliessendem Livechat.

Bettina Kugler
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Social Distancing macht's gerade unmöglich, dass sich die Voyeure St. Gallen so nahe kommen - doch bleiben sie in theaterfreien Zeiten in Kontakt.

Social Distancing macht's gerade unmöglich, dass sich die Voyeure St. Gallen so nahe kommen - doch bleiben sie in theaterfreien Zeiten in Kontakt.

Bild: Gregor Juon

Der grelle Hintergrund tut schon nach fünf Minuten in den Augen weh. Dies umso mehr, als man nicht im Parkett sitzt, auf Distanz von vielen Metern. Sondern gebannt auf einen Bildschirm starrt. Der Blick kann nicht wie sonst nach Lust und Laune schweifen und selbst die Richtung wählen, sondern ist vorbestimmt durch die Einstellung der Kamera. Immerhin: Es ist Theater, ein Schauspielklassiker, an einem Mittwochabend in Zeiten des allgemeinen Lockdowns. Der helle Wahnsinn, auf der giftgrün gepolsterten Bühne wie im wirklichen Leben.

Zwar darf gerade nicht live gespielt werden und niemand, höchstens zu Reinigungszwecken, einen Zuschauerraum betreten. Doch von Dürrenmatts Tragikomödie «Die Physiker» aus dem Schauspielhaus Zürich in der Inszenierung von Herbert Fritsch gibt es eine frei zugängliche Aufzeichnung auf YouTube. Die haben sich die St. Galler Voyeure, eine von mehreren in der ganzen Schweiz aktiven Gruppen junger Theaterbegeisterter, als Link zugeschickt.

Fläzen, Pause machen nach Bedarf - und auch mal weg dösen

Sie haben sich zum Schauen verabredet - nicht so wie sonst gemeinsam live vor Ort. Sondern jede und jeder für sich zu Hause. Gewappnet mit ein paar Fragen vorab. Die Antworten tauschen sie anschliessend per Mail aus, statt in der Runde zum Nachgespräch zusammenzusitzen. Der Vorteil: Man kann sich daheim bequem hinfläzen, kann einschalten, wann es gerade passt, bei Bedarf auch eine Pause machen. Und döst man mal kurz weg, ist es nicht schlimm. Dann springt man eben zurück. 

«Für uns war klar, dass wir in Kontakt bleiben und uns als Gruppe wie als Einzelne weiterentwickeln wollen, trotz Isolation» ,sagt Rahel Flückiger. Zusammen mit der Szenografin Helen Prates de Matos leitet die Künstlerin und Theaterpädagogin die Voyeure St. Gallen. Die beiden haben recherchiert, was online möglich und verfügbar ist. «Die Physiker» auf YouTube war ein erster Schritt; drei Mädchen waren mit dabei.

Keiner hustet, keiner lacht

Schon in der zweiten Woche sind es sieben von momentan zehn Voyeuren, die mitschauen. Auf dem Programm steht «Junge Hunde» aus dem Theater Konstanz, und diesmal gibt es nach dem Stück einen Livechat. Auch da kristallisiert sich schnell heraus: Aufregender und intensiver ist es dort, «wo es nach Theater riecht», wie Tamea sagt, wo man das Bühnenbild plastisch vor Augen hat, die Atmosphäre spürt, die anderen im Saal lachen hört und husten. 

Obwohl die Kamera oft nah herangeht an die Schauspieler, spüre man nie ihren Blick, wie das live hin und wieder vorkomme; Emma hat das gestört. So entstehe am Computer-Bildschirm bei aller Nähe zum Geschehen eine irritierende Distanz. «Im Theater ist es einfacher, die Handlung auf Anhieb zu erfassen», das ist Helen Prates de Matos durch den Vergleich bewusst geworden. Als einzige in der Gruppe hat sie die Zürcher Inszenierung auch live gesehen - und war fasziniert. Zu Hause vermisste sie Szenen, kämpfte gegen Müdigkeit.

Doch bleiben sie dran, aus Neugier auf Theater, und weil sie den Austausch darüber schätzen. Das kommt auch den derzeit zu Untätigkeit gezwungenen Schauspielerinnen und Schauspielern zugute: Die Voyeure spenden die gesparten Eintrittsgelder an freie Theaterschaffende. Und lassen ihnen, wenn gewünscht, ihre Feedbacks zukommen. Zum Beispiel, dass ihre physische Präsenz durch kaum etwas zu toppen ist.

Kontakt: dievoyeure.ch oder über Helen Prates de Matos, Tel. 078 647 56 19, st.gallen@dievoyeure.ch

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