Schöne Töne

…Es gibt Lieder, mit denen versinkt man genüsslich in der Nichtstuerei, … Ins Bett schaffte ich es in dieser Nacht erst um halb sechs. Durch die halbe Schweiz und durch Bindfäden hindurch bin ich geblocht.

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…Es gibt Lieder, mit denen versinkt man genüsslich in der Nichtstuerei, …

Ins Bett schaffte ich es in dieser Nacht erst um halb sechs. Durch die halbe Schweiz und durch Bindfäden hindurch bin ich geblocht. Auf der Rückbank drei befreundete Mexikaner, die ich bis um fünf am Flughafen abladen musste. Alles klappte, hundemüde war ich trotzdem. Als ich dann am nächsten Tag das erste Mal durch die Lider lugte, regnete es draussen immer noch. Mich überkam ein Gefühl von unendlicher Lethargie und ich legte «Darklands» der schottischen Band «The Jesus and Mary Chain» auf. Es gefiel mir immer besser als ihre Durchbruch-Platte «Psychocandy». Hier war alles ein bisschen entspannter, schwelgerischer, «laid back» würden wohl die Schotten sagen. Diese Musik taufte einst ein umtriebiger Musikredaktor «Shoegaze». Mit «auf die Schuhe blicken» könnte man das Übersetzen, oder ist es doch eher ein Starren? Angeblich blieben die Musiker bei ihren Gigs statisch, bewegten sich kaum und glotzten sich die ganze Zeit auf die Schuhe – daher der Name. Wenn ich kiffen würde, hätte ich mir wohl einen Joint gedreht. Vielleicht hätten das auch «The Jesus and Mary Chain» gemacht, kann man den zweiten Teil ihres Namens doch als «MJ» lesen, wie eine Abkürzung für das englische «Marijuana». Aber ich kiffe ja nicht. Also legte ich mich aufs Bett und liess meine Gedanken kreisen. Ich hatte tausend Ideen, was ich an diesem Tag noch machen könnte. Kein Album hätte besser in die Stimmung gepasst. Der erste gleichnamige Song des Albums, «Darklands», plätscherte aus den Boxen und eine halbe Stunde später war ich vollends versunken in der Nichtstuerei. Draussen hatte es inzwischen aufgehört zu regnen. Es drückte sogar ein bisschen blau durch die Wolken. Doch wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass es schon dämmerte. Fertig gebracht hatte ich an diesem Samstag nichts, den besten Soundtrack dazu hatte ich trotzdem gehört.

The Jesus and Mary Chain: «Darklands» Darklands, 1987

Timo Posselt

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