Schöne Töne

…Es gibt Lieder, mit denen man sich ganz schön der Verzweiflung hingeben kann… Es gibt Tage, an denen ich am liebsten alles hinschmeissen würde. Nichts ergibt Sinn, alles schmerzt.

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…Es gibt Lieder, mit denen man sich ganz schön der Verzweiflung hingeben kann…

Es gibt Tage, an denen ich am liebsten alles hinschmeissen würde. Nichts ergibt Sinn, alles schmerzt. Dazu passt das Album «Songs For The Exhausted», Lieder für die Erschöpften. Ich lege es jeweils auf an diesen Tagen und verkrieche mich.

Das erste Lied sticht mitten ins Herz, «God» heisst es. «We struggle hard not to surrender / within the future and the past / every minute seems like a torture / that is more we can take», singt Oliver Welter. «Wir kämpfen, um nicht aufzugeben / in der Zukunft und der Vergangenheit / jede Minute scheint wie Folter / das ist mehr als wir ertragen können.»

1997 stand die österreichische Band Naked Lunch kurz vor dem internationalen Durchbruch, schien es. Der Produzent von U2 wollte mit ihnen arbeiten, sie spielten Konzerte in New York und Rio de Janeiro. Doch der grosse Erfolg blieb aus, bald liess sie das Major-Label fallen. Sänger Oliver Welter verlor seine Freundin und seine Wohnung. Ein Jahr lang lebte er in seinem Auto und auf der Strasse. Dort schrieb er «Songs For The Exhausted». 2003 erschien es. Naked Lunch spielten Jahre später im St. Galler Palace, unter anderem auch «God». Im Internet findet man ein Video davon. Am Ende des Songs schlägt Welter seinen Schellenring aufs Schlagzeug. Die Scheinwerfer blitzen blau auf. Man spürt die Wut, die Verzweiflung in jedem Schlag. Darunter kommentierte jemand: «If God sees this, he will forgive us.» Wenn Gott das sieht, wird er uns vergeben.

In Welters Song fehlt er, der vergebende Gott. «God himself was so frustated / that is all he can take.» Gott selber war so frustriert, das ist alles, was er ertragen kann. Aufbauen kann man sich nicht damit, der Verzweiflung hingeben kann man sich mit dieser Musik aber ganz schön.

Naked Lunch: «God» Songs For The Exhausted, 2003

Timo Posselt

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