Schöne Töne

…Es gibt Lieder, die sind rosarot, lassen einen auf der grossen Bühne aber nur Schwarz sehen… In ein rosarotes Bauschröckchen gekleidet, sitze ich im Warteräumchen der Tonhalle St. Gallen und lerne halbherzig Französischwörtchen.

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…Es gibt Lieder, die sind rosarot, lassen einen auf der grossen Bühne aber nur Schwarz sehen…

In ein rosarotes Bauschröckchen gekleidet, sitze ich im Warteräumchen der Tonhalle St. Gallen und lerne halbherzig Französischwörtchen. Am nächsten Tag steht die Franzprüfung an und in wenigen Minuten mein Auftritt. «Dass du jetzt Französisch lernen kannst», sagt der Cellospieler, der mich in wenigen Minuten auf der gigantischen Bühne begleiten wird. Mit zappelnden Beinen werfe ich ihm einen genervten Blick zu und denke: «Contrevent, contrevent, contrevent, ...». Die Schüler, die vor uns ihren Auftritt haben, sind bald fertig. Ich rechne mir aus, wie viel Wörtchen ich bis dahin noch anstarren und in meinem Kopf monoton aufsagen kann. Ich will nicht raus aus diesem Kämmerchen, rein in diesen mächtigen Saal voll von stolzen Eltern, Grosseltern, Schülern und Lehrern.

Ich sehe ja aus wie eine verkommene Schwanensee-Prinzessin. Das Lied, das ich gleich singen – wohl eher fispern – werde, heisst «Rose rot, Rose weiss». Ich fühle mich alles andere als rosig.

Es klatscht. Alles nickt mir zu. Ich quetsche ein Lächeln hervor. Ich versuche nicht zu zittern. Es ist soweit. Wie in Trance betrete ich die Bühne und gehe ganz nach vorne. Dort stehe ich – ganz ruhig. Es starrt mich an. Wohin starr ich? Wohin sollen die Hände? Was tu ich da eigentlich?

Ich nicke der Geigenspielerin zu. Auch sie ist aufgeregt und beginnt die lieblichen Töne zu streichen. Oh Gott, oh Gott, gleich kommt mein Einsatz. Gleich werde ich die ganze Tonhalle mit meiner Stimme erfüllen – müssen. Ich öffne meinen Mund und forme ihn zu einem O: «Rose weiss, Rose rot, wie schön ist doch dein Mund…».

Es klatscht. Es ist vorbei. Endlich darf ich zittern, rot werden und über die Bühne stolpern. Wieder zurück im Kämmerchen flüchte ich mich sofort in meine Jeans, setze mich hin und repetiere die Französischwörtchen. Ich werde schwänzen – müssen.

Joseph Haydn: «Rose rot, Rose weiss»

Johanna Egli