Schön barock und ohne Ziel

Georg Friedrich Händels «Alcina» begeistert in Zürich musikalisch. Szenisch ist die Sache weniger klar – offenbar auch dem Regisseur Christof Loy nicht.

Tobias Gerosa
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Szene aus «Alcina» mit Cecilia Bartoli als Alcina (links) und Manuela Ernman als Ruggiero. (Bild: Monika Rittershaus)

Szene aus «Alcina» mit Cecilia Bartoli als Alcina (links) und Manuela Ernman als Ruggiero. (Bild: Monika Rittershaus)

Am Opernhaus Zürich fehlten die grossen Stars, hiess es. Über die Zahlen entbrannte in den letzten Wochen ein medialer Streit: Ist die Auslastung jetzt gesunken oder gestiegen – nur weil die neue Direktion das Spielplansystem leicht angepasst hat. Die Oper bewegt jedenfalls wieder und die neueste Premiere hat das Zeug dazu, die Fronten zu versöhnen. Denn Cecilia Bartoli singt zum ersten Mal «Alcina», eine der schönsten, wichtigsten Rollen im Opernschaffen Georg Friedrich Händels; um sie herum hat man eine Produktion zusammengestellt, die keine Wünsche offenlassen sollte.

Antonini trägt die Sängerinnen

Musikalisch geht das wunderbar auf. Giovanni Antonini ist ein Dirigent, der das Orchestra La Scintilla mit Risiko spielen lässt. Das zahlt sich in vielen Farben und differenzierten Stimmungen aus, führte bei der Premiere aber auch noch zu einigen exponierten Patzern. Wichtiger ist, wie Antonini mit seinen Sängerinnen mitgeht (die beiden männlichen Rollen sind klein, die Besetzung Schwachpunkte): Er trägt und unterstützt sie darin, variantenreiche Verzierungen einzubauen und aus der Abfolge von Rezitativen und Arien – erst ganz am Schluss gibt es ein Terzett und einen Chor – nach Kräften eine emotional aufgeladene Geschichte zu gestalten.

Regisseur Christof Loy unterstützt dies mit einer sehr genauen, stellenweise sogar choreographisch wirkenden Personenregie. Die Handlung in den langen Arien mit ihren Wiederholungen weiterlaufen lassen zu können, zeichnet diese Regie aus. Wenn Julie Fuchs als Morgana, Varduhi Abrahamyan als Bradamante und Malena Ernman als Ruggiero im zweiten Akt in die tiefsten Liebesverwirrungen geraten, erreicht die Aufführung aussergewöhnliche musiktheatralische Spannung. Dass die Besetzung sehr gut zusammenpasst, hilft dabei sehr.

Enorme Spannweite

Doch da ist noch Cecilia Bartoli in der Titelpartie. Die Spannweite dessen, was sie in ihren sechs Arien ausdrückt, enorm. Aber die Rolle ist für eine Sopranistin geschrieben, diese Stimmfarben fehlen Bartoli. Sie fügt sich mit ihrer einnehmende Präsenz und ihrem typischen vokalen und darstellerischen Feuer gut ins Ensemble ein, bleibt aber immer spürbar der Star – vielleicht weniger wegen ihr selber, sondern aus dem Regiekonzept, das im Grossen längst nicht so überzeugt wie über weite Strecken in den Details.

Die Geschichte führt bei Loy in einer «Theater auf und um das Theater»-Situation aus dem Barock ins Heute. Wo Alcina bei Händel eine Zauberin ist, wird sie hier zur Diva einer Barockoper, deren Illusionswelt vom modernen Leben immer mehr verdrängt wird. Das ermöglicht schöne Bilder, lässt inhaltlich aber ratlos, weil die Befreiung des verblendet verliebten Ruggiero aus Alcinas Fängen hier so wenig Sinn stiftet wie die Mischung der Zeitebenen. Entsprechend hinterlässt die konfuse Auflösung am Schluss einen schalen Nachgeschmack, der gegen die puren Schönheiten der Aufführung steht.

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