Schnörkellos zur Auszeichnung

Die 32jährige Julia Heuer aus St. Gallen designt eigentlich nur Stoffe, hat nun aber eine ganze Modekollektion entworfen: Kleider mit viel Farbe und einer Botschaft – die ihr gleich den Schweizer Design Preis eingebracht haben.

Diana Bula
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Julia Heuer, Neo-Preisträgerin und Neo-Designerin, vor ihrer Kollektion Adobe Indigo. (Bild: Urs Bucher)

Julia Heuer, Neo-Preisträgerin und Neo-Designerin, vor ihrer Kollektion Adobe Indigo. (Bild: Urs Bucher)

Nervös sei sie gewesen. So sehr, dass sie befürchtet habe, der Moderatorin die Fragen um die Kollektion nicht beantworten zu können. Am Freitagabend war das, in Langenthal. Dort nahm Julia Heuer den Design Preis Schweiz in der Kategorie Fashion entgegen. Nun erklärt sie in ihrer Wohnung ihre Arbeit, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Spontan, kein bisschen verlegen.

Adobe Indigo heisst das Projekt, mit dem die seit vier Jahren in St. Gallen wohnhafte Deutsche gewonnen hat. Adobe steht für den digitalen Teil der Arbeit, Indigo – eine Färbefarbe – für den handwerklichen Part. Heuer hat die geometrischen Prints bei Jakob Schlaepfer, ihrem Arbeitgeber, entworfen, sie dort auf Polyester gedruckt. Danach kam der Stoff in den Ofen. Und wenn Heuer Ofen sagt, meint sie das so: Andere bereiten im Backofen Kuchen zu, sie benutzt ihn für Shibori, eine alte japanische Färbetechnik. Sie faltete den Stoff mehrmals, wickelte ihn um ein Rohr, band ihn mit Schnur ab – und an die Hitze damit. Unter dieser verformt sich Polyester zu Plissee, Farben verfliessen. «Ich mag es zu experimentieren», kontert Heuer den erstaunten Blick der Besucherin. Es sei übrigens nichts geschmolzen, das nicht habe schmelzen dürfen.

Farbe muss sein

Heuers Entwürfe leben nicht nur vom Experimentellen, sondern auch von der Buntheit. Farbe mache gute Laune, ist sie überzeugt. «In Europa wird sie verkannt. Farbe könnte nicht zum Teint passen, man könnte darin zu sehr auffallen, befürchten viele. Hier gilt leider Schwarz als schick.» Sie hingegen möge Buntes sehr. «Auch an mir selber.» Heute merkt man davon nichts. Die 32-Jährige trägt eine schwarze Bluse mit hellem Print, eine schwarze Hose, darüber ein thailändisches, dunkles Tuch. Damit sie auf dem Foto nicht ihre regenbogenfarbige Kollektion aussticht, denkt man sich. Denn für Adobe Indigo arbeitete Heuer «mit den Grundfarben in ihrer ganzen Kraft». Um sich von den erdigen Tönen abzuheben, welche die japanischen Kimonos üblicherweise dominieren. Um zu signalisieren: Hier entsteht mit Altem Modernes.

Trotz exotischer Färbetechnik: In dem südostasiatischen Land war Heuer noch nie. Eine Kollegin verbringt im Rahmen eines Stipendiums zwar soeben einige Wochen dort. «Ich hätte sie gerne besucht, habe aber keine Ferientage mehr übrig.» Dennoch verbindet Heuer einiges mit Japan. «Dort geht es mehr um die Textilkunst als um den Schnitt. Bei mir verhält es sich gleich.» Weil der Stoff für Adobe Indigo auffällig ist, setzte Heuer auf eine schlichte Form. «Schliesslich bin ich keine Modeschöpferin, sondern Textildesignerin.» Genäht hat sie auf ihrer alten Bernina-Maschine. «Die habe ich vor acht Jahren für zehn Euro auf dem Flohmarkt gekauft», sagt sie.

In der Wohnung hat das Gerät einen prominenten Platz: neben dem Computer, zwischen Büchsen mit Farbe und Stoffballen. Wer sich umsieht, merkt rasch, dass hier ein kreativer Geist wohnt. Aktfotos, ein Hausgnom aus Keramik, Malspuren auf dem Tisch.

Fast wie Diane von Fürstenberg

Gerade der einfache Schnitt von Adobe Indigo scheint die Design-Preis-Jury begeistert zu haben. «Die Kleider haben das Potenzial zum Klassiker à la Diane von Fürstenberg», heisst es im Urteil. Die Belgierin hat sich mit einem schlichten Wickelkleid weltweit einen Namen gemacht. Das Simple ist nicht nur Heuers Konzept, es ist auch eine Botschaft. «Ein Statement gegen die schnelllebige Mode. Meine Kleider orientieren sich an keinem Trend, sie sind zeitlos.» Diesen Anspruch stellt sie ebenfalls an die eigene Garderobe: «Ich halte mich an den Leitsatz der Designerin Vivienne Westwood: Wähle gut, kaufe wenig. Stimmt die Stoffqualität nicht, interessiert mich das Stück nicht.»

Freunde, die inspirieren

Klickt man sich durch Heuers Homepage, fällt der künstlerische Ansatz auf, den viele Entwürfe aufweisen. «Es war im vornherein nicht klar, dass ich mich auf Textilien spezialisiere. Mich faszinierte einfach der Prozess, lange an etwas zu arbeiten, das einen einfängt», sagt sie. Auch mit Architektur habe sie geliebäugelt. «Und viele meiner Freunde sind Künstler. Die Diskussionen mit ihnen inspirieren mich.» Genug Ideen also für eine weitere Kollektion? Heuer zuckt mit den Schultern, betont, wie sehr ihr der Job als Textildesignerin bei Jakob Schlaepfer gefällt. Dass sie «aus dem Häuschen» gewesen sei, als Dior einen ihrer Prints ausgesucht habe. Auch die Kleider, die sie anlässlich des Design Preis Schweiz hergestellt hat, gibt es bald im Laden, in einer Berliner Boutique, die einer Kollegin gehört.

Eine junge, talentierte Frau aus Deutschland, die Freunde auf der ganzen Welt hat. Was hat sie nach St. Gallen verschlagen? «Nach dem Studium in Stuttgart wollte ich tatsächlich in einer grosser Stadt leben», sagt sie. In Paris etwa. Dann habe sich jedoch die Möglichkeit bei Jakob Schlaepfer ergeben. Und nun gefalle es ihr hier «ganz gut». Doch, gibt sie zu, «zu Beginn war es nicht einfach». Kein riesiges Kulturprogramm wie in Paris, keine unzählig tollen Bars. «Man ist in St. Gallen nicht abgelenkt wie in Metropolen. Ich musste mich beschäftigen.» Gut so, sonst wäre Adobe Indigo vielleicht nie entstanden.