Schnittmengen statt Trivialitäten

Max Dohner* hat als Journalist einen Kunstpreis erhalten. Er sieht ihn als Ermutigung in binär gepolten Zeiten.

Max Dohner
Drucken
Teilen
Preisträger Max Dohner und Cornelia Masciadri. (Bild: Alex Spichale, Baden, 6. November 2019)

Preisträger Max Dohner und Cornelia Masciadri. (Bild: Alex Spichale, Baden, 6. November 2019)

Herr: Es ist Zeit.

(Ist der Kerl übergeschnappt, aufs Alter religiös geworden oder was?)

Keine Bange, das ist ein Literaturpreis – ich weiss; wir reden auch von Literatur, gleich. Am besten beginnen wir nochmals, und Sie ergänzen die Zeile:

Herr: Es ist Zeit ... Der Sommer war sehr gross.

Natürlich: Das ist der Anfang von Rilkes «Herbsttag»; war mal Schulstoff, und ist trotzdem immer noch schön. Heute will ich den Vers etwas variieren:

Herr: Es war an der Zeit. Die Strecke war sehr lang.

Und das ist nun keine Klage mehr, sondern ein frohgestimmter Seufzer.

In der Tat – die Strecke war etwas lang. Der Schriftsteller will eigentlich Segel setzen mit seinen Büchern, aber seit geraumer Weile herrscht Windstille um die nicht markt-lineare Literatur… obschon diese sich dadurch ja gerade auszeichnen würde. Ich habe das unterschiedlich empfunden auf meinem sturen Kurs hart am Wind: mal fatalistisch, mal verärgert, selten wirklich besorgt. Auch ich neige zuweilen zum Glauben – zum frommen Wunsch –, das Gute setze sich früher oder später durch. Aber nach dreissig Jahren und sechs Büchern, sechs ­literarischen Büchern, bin ich heute doch wunderlich froh, in einem Winkel gar erleichtert, demütig und dankbar für diesen Preis. Er bestärkt mich im Gefühl: Herr, dieser Schaffensherbst wird noch gross.

Journalisten mit Hang zur Belletristik gelten hier gern als nicht kampfstark genug, nicht wirklich oberstüblirein: zu kompliziert für die Zeitung, zu simpel für die Literatur. Desgleichen in Deutschland. Da warnte neulich die Text-Chefin des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» journalistische Novizen und Träumer: «Bilden Sie sich ja nicht ein, Sie seien Schriftsteller.»

Natürlich ist das Schwachsinn. Die eiserne Lady hätte mit solchen Prinzipien Leute vergrault wie Tucholsky, Kästner, Joseph Roth, Arthur Koestler, Musil, Hugo Loetscher, Friedrich Glauser, Meienberg… Kleist und Hebbel – Entschuldigung – waren auch Zeitungsschreiber. Genauso wie Schiller und Goethe, Letztere zwei indes lausige Verleger. Nicht zu reden vom angelsächsischen Sprachraum: Charles Dickens, Daniel Defoe, Joseph Conrad, Graham Greene – in den USA Mark Twain, Jack London, Norman Mailer, Hemingway, Truman Capote, John Updike, David Foster Wallace usw.

Natürlich scheidet Sprache die Elemente: Feuer und Wasser, Brot und Manna, Quell und Morast, Klang und Geleier. Diese Unterscheidung aber gelingt eher selten Leuten und Kreisen, die vorrangig das Interesse haben, sich von anderen zu unterscheiden. Sich irgendwie abzuheben. Zum Beispiel Journalisten von Literaten. Veganer von Fleischessern. Literaten von Unternehmern. Frauen von alten weissen Männern – und alles auch vice versa – mit einer Ausnahme natürlich, die der alten weisen Männer.

Aus irgendeinem verhexten Grund verschmieren die Dinge mit zunehmend geölter Zunge. Und das gilt für alle. «Klare Ansagen», wie sie Politiker gern in die heutige Massenschlägerei der Meinungen werfen, trüben die Klarsicht, fast im Handumdrehen. Wer «wie ein Buch redet», ist im Volksmund – zu Recht – ein Schnorrer. Wer ein Buch schreibt, ist der Gefahr soweit entronnen – bis er sich anmasst, wie ich hier, seinerseits eine grosse Klappe zu führen. Da wird man unweigerlich, ganz profan auch zum Schwätzer.

Warum? – Weil wir alle im Grunde eines wissen: Die Halbwertszeit unserer Sätze ist niederschmetternd kurz. Verflucht flüchtig beinahe alles, was wir meinen und den lieben langen Tag so reden. Umso grotesker, fataler sind eng befolgte Branchenjargons und Soziolekte. Sei es der Sprachmahlstrom der Politik, das Denglichinesisch der Manager, der Newsspeak der Medien, das gravitätische Gemurmel der Wissenschaften. Aber auch die tausend Trivialitäten im Zug, am Handy, draussen auf der Strasse. Dieser täglich neu befestigte Wall lustloser Gemeinplätze in Gefühl, Kopf und Seele. Doch selbst festverschraubte Leitplanken in Überzeugung und Ausdruck, dick wie eine Schlachtschiff-Panzerung, erweisen sich – über die Krümmung des Ozeans hinaus betrachtet, bis zum Sog der Schwarzen Löcher – eher als Rettungsfloss denn als Gerüst. Der Ton der Wahrheit, Worte der Kraft sind nun mal kein fixer Zungenschlag, nichts Pierrot-haft Virtuoses. Durch unsere Zunge aber redet Gott deprimierend selten. Die Zeit läuft davon. Und diesem Skandal setzen wir Heutigen kaum je ein zeitloses Wort oder Werk entgegen.

Kein Wort? Oh doch, viele Worte! Und nicht nur das: Ein ganzer Sommer wirkt jeweils all dem entgegen. In diesem Jahr zum zwanzigsten Mal – der Seetaler Poesiesommer. (…) Und noch immer befinden wir uns mittendrin, im poetischen Sommer, mit dieser Feier im November. Und ausserdem in diesem so passenden Haus, der Villa Langmatt. In dieser Bibliothek eines prägenden Unternehmers aus der Gründerzeit und seiner Gattin sehen wir, wie schon beim Thema Journalismus und Literatur, wie läppisch es ist, Dinge zu trennen, zu schematisieren. Zwischen den Büchern grosser Autoren und Gemälden von höchstem Rang, erworben, als noch längst nicht alle Welt den Wert der Impressionisten erkannte, zwischen Kunst und starkem Unternehmergeist… Glauben Sie, da gebe es etwa keinen Zusammenhang? Haben Sie das Gefühl, ein wacher Kopf klammere die glühendsten Impulse von hüben nach drüben aus?

Betreten wir heute die Villen von CEOs global operierender Firmen, und Sie können versichert sein, dass ich solche Villen betrat als Lakai, als Journalist, dann entdecken wir, wenn wir Glück haben, im Protzbau ein einziges Buch: den kiloschweren Katalog der Art Basel in Miami. Nicht weil jemand darin blättern würde, nein: Es liegt da, weil der Innendesigner aus Milano das empfahl als Dekor auf dem Coffee-Table vor der unverbaubaren Seesicht.

Aber nehmen wir auch Abstand von Karikaturen solcher Art, obschon ich meine adretteren Vorurteile so liebevoll pflege wie andere: In Wahrheit gibt’s nach wie vor Unternehmer von grosser Belesenheit und lebhaftem Interesse für Gesellschaft, Kultur, Geschichte – einige sitzen heute hier, unter uns. Und ich denke, sie fühlen sich wohl, trotz dem Kunstplauderi da vorn.

Worauf ich hinaus will: Wir trauen dem Menschen kaum mehr Schnittmengen zu. Ausgerechnet in einer epochalen Umwälzung, da die Technik tausend neue Schnittstellen, Millionen sogenannter Links zwischen allen möglichen und unmöglichen Dingen schafft. Warum kann ausgerechnet da ein Journalist plötzlich nicht mehr Literatur? Warum versteht ein Unternehmer neuerdings a priori nichts von Kunst? Zeiten mit einigem Mangel an cooler Intelligenz neigten stets zum Vorurteil. Warum aber erscheinen Klischees heute so militant bieder, im Wortlaut weit, im Klang eng und kalt?

Es bedeutet wirklich Ermutigung, in binär gepolten, letztlich also perspektivlosen Zeiten den Virgilio-Masciadri-Preis zu bekommen. Einen – darf ich wohl sagen – reinen Kunstpreis für das Werk eines Journalisten.

In dieser Offenheit gegenwärtig, sehr gegen­wärtig ist und bleibt der Geist eines stets jugendlich wirkenden Mannes von alter Bildung und umfassendem Kunstsinn. Der seinerseits zu kämpfen hatte mit öden Vorgaben und kleinlichen Zuordnungen. Etwa der, dass ein Altphilologe von Rang, und Virgilio Masciadri war ein Altphilologe von Rang, an der Universität so und nicht anders sich einer Methodologie zu befleissigen habe. Als hätte es einen wilden eigen­ständigen Altphilologen namens Nietzsche nie gegeben.

Mir gelang es nie, in Dreiteufelsnamen nicht, aus dem Zürcher Kantonsrat oder dem Aargauer Grossrat im üblichen Polit-Ton zu berichten. Ganz ähnlich hat zweifellos der Lyriker und Schriftsteller Virgilio seine innere Rebellion ausgetragen gegen den Alt-Akademikerton und es kaum ertragen. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr man unter einem Sprachekel leiden kann. Wie schon eine gedankenarme Floskel einem den Magen umdrehen, die Galle schwärzen, ja den ganzen Hass gegen eine Mischpoke selbstherrlicher Spartendruiden hochtreiben kann. Wie tief ein Geist gekränkt wird, wenn er die eigene Handschrift dagegensetzt, mit der ihm höchstmöglichen Sorgfalt, und jedermann das mit freundlicher Herablassung als irritierend quittiert.

Auch für Virgilio war die Strecke lang. Gemessen an der Zeit, die ihm zur Verfügung stand, am Ende zu lang. Aber das heisst mitnichten, dass dieser Weg zu Ende ist. Noch lange nicht.

Ja, es ist Zeit. Das Leben wird wieder gross sein.

* Dieser Text ist eine leicht gekürzte Version der Rede, die Max Dohner anlässlich der  Verleihung des Virgilio-Masciadri-Preises in Baden hielt.