Literatur
Schmuddel-Erotik - trotzdem ist Adolf Muschgs neuer Roman ein Wurf

Adolf Muschgs neuem Roman «Die japanische Tasche» ist ein virtuoses Werk. Allerdings spielt er sich zum grossen Teil unter der Gürtellinie ab - mit nicht wenigen schmuddel-erotischen Passagen.

Anna Kardos
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Adolf Muschg – hier in seinem Garten – blickt auch mit seiner Literatur in Parallelwelten hinüber.ruben

Adolf Muschg – hier in seinem Garten – blickt auch mit seiner Literatur in Parallelwelten hinüber.ruben

Ruben Wyttenbach / 13 Photo

Das Personal professoral; die Konstruktion fast genial; der rote Faden prostatal-sexual – so gibt sich der neue Roman von Literaturaltmeister Adolf Muschg. Er heisst «Die japanische Tasche». Doch «Fifty Shades of Muschg» wäre wohl der weit passendere Titel gewesen.

Seit längerem inszeniert Muschg seine Protagonisten gerne als angegraute Helden mit ungebremsten Lenden (und entsprechenden Gedanken, Seitenblicken und Anspielungen). Doch sein aktueller Held Beat Schneider überspannt den Bogen des guten Geschmacks, wenn er mit einer geistig zurückgebliebenen Frau kopuliert, heiratet, sie schliesslich (wegen erotischer Fotografien auf einer Geschäftsreise) niederschlägt, liegen lässt und ziemlich ungerührt nach Berlin verreist. Dass sie in der Kindheit missbraucht wurde und dieses Trauma mit Sex – womit sonst?! – kuriert, ist nur ein weiterer von Muschgs Fifty Shades. Auch Jahrzehnte später, als bei Schneider der natürliche Fluss seiner Ausscheidungen altershalber erschwert ist, fliessen seine übrigen Säfte ungehindert.

So voluminös die «japanische Tasche» ist, es finden sich in ihr wohl keine vier Seiten ohne eindeutige Zweideutigkeiten. Kurz: Der Roman spielt sich grossenteils unter der Gürtellinie ab. Muss man das lesen?

Immerhin ist dem Literaten mit seinem neuesten Buch ein Wurf gelungen. Virtuos verflicht er darin die grossen Themen: Geburt und Tod, die Unmöglichkeit der Liebe (von Mann zu Frau, von Mutter zu Kind, von Mann zu Mann); er schafft es, mit einem Kabinettstück die Weltgeografie zu umfassen, sublimiert Sprache (und manchmal auch das Leben) glanzvoll zu Literatur und löst gar Raum und Zeit auf – um trotzdem vom Hier und Heute zu handeln.

Überall wuchert die Erotik

Nur kriegt man als Leser davon nicht viel mit. Denn überall wuchert die Erotik wie der Prostatakrebs im Körper des Helden Schneider. Und selbst ein Literat vom Kaliber eines Muschg kann sich keine Realität herbeischreiben, in der «junge Frauen» auf prostatageplagte, alternde Herren stehen und sofort ungeschützt mit ihnen ins Bett hüpfen. Das mag zwar erregen. Aber lediglich Ekel. Natürlich: Literatur darf Unmoralisches abbilden. Und natürlich ist der Autor nicht sein Protagonist. Was aber fehlt, ist die Distanz der Erzählstimme zum Erzählten. Als schaute der Autor dieser von ihm geschaffenen Welt zu «und er sah, dass es gut war». Dabei ist es alles andere als gut. So verspielt sich Adolf Muschg, der als kritischer Denker unserer Zeit einiges zu sagen hat – und als Literat ebenfalls zu sagen hätte –
die Gunst seiner Leser und zahlt für seine literarischen Ergüsse einen hohen Preis.

Dabei wäre sein Roman grossartig konstruiert – und sein Held Schneider ein durchaus sensibler Mensch. Als Waisenkind und emotional Obdachloser wird er lebenslang ohne eigenes Zuhause bei anderen unterkommen müssen. Und dass ihm zeit seines Lebens (und dem Leser im gesamten Buch) kein Liebespaar begegnet, ist genauso kühn komponiert wie die Tatsache, dass Schneider, der seine Mutter verloren hat, an einer Figur gespiegelt wird, die ihrerseits ein Kind verloren hat.

Doch zurück zu Schneider. Der wird kinderlos bleiben, wachen, lesen, lange Brief schreiben und quasi «in den Alleen unruhig hin und her wandern, wenn die Blätter treiben» – und der Leser wandert mit. Denn etwas vom Schönsten an diesem Roman ist, wie es dem Autor gelingt, das Leben mit der Literatur eng zu führen.

Zwischen Jetzt und Jenseits

So leben Gedichte, Geschichten, Märchen mit den Figuren mit, antworten auf Fragen, spenden Trost. Und sie schaffen eine Welt neben der realen. Sogar die Geschehnisse sickern gegen Ende immer mehr von der Realität ins Reich der literarischen Fantasie, indem Beat Schneider spurlos verschwindet. Keiner hat den Umstand bemerkt, keiner hat ihn vermisst, bis Schneider in den Bleistift-Bildern seiner geistig zurückgebliebenen (und mittlerweile verstorbenen) Ex-Frau auftaucht – sichtbar nur durchein Elektronenmikroskop. Oder wenig später in einem Artikel, wo er als der glücklich verheiratete Ehemann auftritt, der er nie war. So oszilliert Muschgs Roman vom Jetzt ins Jenseits, vom Zürcher Naherholungsgebiet ins Reich der Fantasie. Und ist über 280 Seiten ein tolles Buch. Man hätte sich als Leser nur einen Lektor gewünscht, der den schmuddel-erotischen Rest sauber gestrichen hätte.

Adolf Muschg Die japanische Tasche. Beck. 484 S., Fr. 31.90.

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