Allergisch gegen falsches Gold

Marion Steiner ist «Künstlerin im Fokus» der diesjährigen Schlossmediale Werdenberg, die am Freitag beginnt. Die Ausstellung im Schloss präsentiert Zeichnungen und 21 in Gold gewandete Allegorien der lange am Theater St.Gallen tätigen Kostümbildnerin.

Bettina Kugler
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Die Kostümbildnerin Marion Steiner ist Gast an der Schlossmediale Werdenberg. (Ralph Ribi)

Die Kostümbildnerin Marion Steiner ist Gast an der Schlossmediale Werdenberg. (Ralph Ribi)

Zum Leben hat Marion Steiner gerade wenig Platz in ihrer kleinen Altstadtwohnung mit Blick auf die Türme der Kathedrale. Jeder Schritt will überlegt sein, und es dauert eine Weile, bis wir uns setzen: Zu viel gibt es vorher auf wenigen Quadratmetern zu sehen und zu sagen zu den Geschöpfen in ihrer geheimen Goldkammer. Zwei Wochen noch sind es zu diesem Zeitpunkt, bis die stillen Gäste, die momentan in Reih und Glied im Wohn- und Arbeitszimmer und im Flur stehen, weiterzügeln müssen. Zehn Tage lang werden sie, auf mehrere Etagen verteilt, in Schloss Werdenberg vom Stoff erzählen, aus dem Märchen, Mythen und Träume gewebt sind. Die insgesamt 21 Skulpturen, drapiert über Kostümpuppen, stehen im Mittelpunkt der Ausstellung zum Thema «Gold» an der Schlossmediale 2019; ergänzt werden sie durch Skizzen und Entwürfe.

In St. Gallen entwarf sie über 100 Ausstattungen

«Hier findet gerade die Hauptprobe statt», sagt Marion Steiner, noch immer ganz Theaterfrau. Zwischen 1995 und 2018 war die heute 66-jährige fest engagierte Kostümbildnerin am Theater St. Gallen. Eine Weile leitete sie darüber hinaus die Kostümabteilung, war mit Planung, Organisation und Budgetierung befasst. Insgesamt 105 Ausstattungen hat sie in dieser Zeit entworfen; sie war verantwortlich für mehr als 20 Produktionen je Spielzeit: Das ist reichlich Erinnerungsstoff, ein riesiger Erfahrungsschatz, der ihr als freie Künstlerin zugutekommt und der sie inspiriert. Die Anfrage von Schlossmediale-Leiterin Mirella Weingarten, ein «freundlicher Anschlag», wie sie lachend sagt, kam überraschend und genau zur rechten Zeit. Ein märchenhafter Glücksfall, so wie Goldmaries Sprung in den Brunnen. Und wie das Mädchen im Märchen bei Frau Holle fleissig zupackt und sich dadurch Goldregen verdient, begann Marion Steiner sogleich zu recherchieren und zu zeichnen, auf die Suche nach Stoff und passenden Stoffen zu gehen. «Und fertig bin ich noch lange nicht», sagt sie. «Das Thema ist unerschöpflich.»

Mit Koffern voller Material über die Grenze

Die Figuren in ihrer Wohnung vermitteln eine lebhafte Vorstellung davon: Gestalten mit goldenen Widderhörnern, Goldvreneli und «Goldhamster», ein finsterer Typ, dem Uhren und Nazigold aus den Taschen hängen. «Blattgold», «Goldregen» oder Lotti Treffer im ausladenden Rock aus goldlackierten Noten – in jeder freien Ecke lauert ein lebensgrosser Charakter. Die übrigen müssen noch in grossen Koffern über die Grenze und durch den Zoll gebracht werden, zur «Hauptprobe» in der Wohnung.

Entstanden sind sie allesamt in Marion Steiners Atelier in Italien: im piemontesischen Intra, knapp eine Stunde vom Lago Maggiore entfernt. Schon während ihrer Berufsjahre als Kostümbildnerin in St. Gallen zog sich Marion Steiner immer wieder dorthin zurück, an freien Tagen oder Wochenenden, zum Zeichnen und Entwerfen.

«Ich hätte sonst wohl ständig im Theater übernachtet»

, sagt sie. Stattdessen nutzte sie die Reisezeit im Zug, um am Laptop zu arbeiten.

Zum Theater fand sie eher zufällig, nach einem Studium der Bildenden Kunst, je einem Jahr Ausbildung in Fotografie und Grafik und nach der Fachklasse für Malerei und Gestaltung an der Kunstgewerbeschule Basel. Die Claque, ein selbstbestimmt organisiertes freies Theater in ihrer Heimatstadt Baden, klopfte eines Tages bei ihr an und konnte sie als Ausstatterin und Kostümbildnerin gewinnen. Im Nähen war sie immer gut gewesen; die Arbeit gefiel ihr. Sie blieb dabei.

Aus Trash wird mythisches Gold

Es war kein Ziel, kein konkreter Berufswunsch, «es ist passiert», sagt sie, so pragmatisch, wie sie für ihre Goldgeschöpfe Trash und Dinge aus dem Hausrat in Gold verwandelt hat – etwa den Christbaumständer, der unter dem Stoff als Stütze dient. Im Zuge der Recherchen stiess Marion Steiner auch auf kuriose Dinge. Das Goldvreneli, erzählt sie, habe auf Veranlassung des Bundesrates neu entworfen werden müssen. Statt einer kecken Locke bekam das Mädchen einen strengen Zopf – und ein Edelweissband.

Das Zeichnen blieb Marion Steiners grosse Passion während der Jahre am Theater. Sie holt eine Mappe mit Figurinen, die sie für Inszenierungen am Theater St. Gallen entworfen hat, etwa für «Durcheinandertal» oder «Arsen und Spitzenhäubchen». Die Gesichter sind vertraut und gut getroffen; man erkennt Matthias Albold, Diana Dengler, Marcus Schäfer, Christian Hettkamp auf den ersten Blick. «Ich habe es oft übertrieben», sagt sie.

Für einmal führt sie selbst Regie

Dass sie die Schauspieler kannte, sie häufig auf der Bühne sah, half ihr bei den Kostümskizzen: Sie haben Haltung, eine ausdrucksstarke Mimik, wirken wie mitten im Spiel. Dagegen erscheinen die Figuren für den Schlossmediale-Goldrausch gespenstisch ruhig.Bei Stoffen und Accessoires hat die Künstlerin mit dem schönen Schein gespielt. «Das ist wie am Theater; Bluffen gehört dazu», sagt sie. Genäht ist nichts, nur mit Nadeln festgesteckt, «es muss ja auch niemand anziehen.»

Die ursprüngliche Idee Mirella Weingartens war es, vorhandene Theaterkostüme in Skulpturen umzuwandeln. Nun aber sind zur Schlossmediale neue, eigenständige Figuren entstanden. Als erfahrene Verwandlungskünstlerin konnte Marion Steiner der Verlockung des Goldes nicht widerstehen und hat unzählige Geschichten rund um den kostbaren, begehrten Stoff aufgespürt. Gegen falsches Gold ist sie übrigens allergisch.