SCHLOSSMEDIALE WERDENBERG: Alles ist leider ein Traum

Man könnte sich in der Idylle wohlig einrichten, das Schöne und Bewährte feiern. Das spartenübergreifende Kunstfestival aber fokussiert in seinem sechsten Jahr den Blick auf Bruchstellen.

Bettina Kugler
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Sehnsuchtsbilder, zerbrechlich wie Seifenblasen: Sopranistin Ruth Rosenfeld singt in der Badewanne ein Schubert-Lied. (Bild: Anja Köhler)

Sehnsuchtsbilder, zerbrechlich wie Seifenblasen: Sopranistin Ruth Rosenfeld singt in der Badewanne ein Schubert-Lied. (Bild: Anja Köhler)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Tagsüber blickt sie versonnen das Rheintal hinauf, wendet Schlossbesuchern, die gerade die steilen Treppen zum ersten Geschoss erklommen haben, still und unbeteiligt den Rücken zu: Die nackte Frau mit dem Kopftuch, die der Südtiroler Künstler und Holzschnitzer Bruno Walpoth in Lebensgrösse aus Lindenholz geschaffen hat. Naturgetreu und doch ihrer individuellen Züge beraubt, mit einem wie weggetreten erscheinenden Gesichtsausdruck steht sie dort. Geheimnisvoll bringt sie ihre Betrachter zum Schweigen; ihr Zeigefinger liegt auf den Lippen – aber nur fast.

Dieses Beinahe ist das verbindende Element der ausgestellten Werke und der Musikauswahl an der diesjährigen Schlossmediale unter der künstlerischen Gesamtleitung von Mirella Weingarten. Mit dem Vorbehalt des leisen Zweifels und Einspruchs nähert sich das Festival in seinem sechsten Jahr der Idylle und ihrem schönen Schein: dem sichtbaren Riss im Bild. «Alles ist leider nur Traum», wird die Sopranistin Ruth Rosenfeld abends im Konzert «Schäferstunden» in Fräulein Hiltys Badewanne singen: Die Sehnsuchtsbilder des Schäfers, in Franz Schuberts Vertonung melancholisch unter der einfachen Melodie schimmernd, sind doch nur Schaum, zerbrechlich wie Seifenblasen.

Zwitterwesen, präsent und unnahbar zugleich

Da haben die durchs Schloss wandelnden Musiker und ihre Zuhörer die stille Frau aus dem ersten Stock schon hinter sich und in Ruhe gelassen. Fürs Konzert am Samstagabend hat sie sich zum Publikum gedreht: als wolle sie stumm auf das hinweisen, was unter dem Hörbaren verborgen liegt. Ein reichlich ironischer Wink mit dem Zeigefinger. «Im Lärm der Zeit» nennt Bruno Walpoth die Skulptur, die sich in der Schlossmediale-Ausstellung zwar unmittelbar im Durchgang befindet, vor dem Lärm der Zeit jedoch in Sicherheit scheint. Walpoth hüllt seine Arbeiten in eine Aura des Schweigens. Wo immer sie warten, die «Sitzende», der zweigeschlechtliche «Ermafrotito» im Eingang, unter der Pilzsporenspur von Chris Drury kauernd, oder die verletzlich wirkende Frau von «Miss You», die sich schützend die Hände vor die Brust hält, kommt es zu einer eigentümlichen Begegnung. Sie füllen den Raum mit ihrer Präsenz und scheinen doch abwesend, unnahbar, unberührbar. Walpoth ist 2017 Künstler im Fokus; die gezeigten Werke stehen zum einen inhaltlich in Verbindung zum Festivalthema «Idylle», zum anderen durch ihre Herkunft aus der traditionellen Holzschnitzkunst des Südtiroler Grödnertals.

Der vitale Gegenpol zu diesen stillen Idyllen ist der zweite Gast im Fokus: Michael Wertmüller, Jahrgang 1966, Komponist und Schlagzeuger; einer, dessen wilde, rebellisch «dreinschlagende» Polymetrik seinen Kompositionslehrer Dieter Schnebel in Erstaunen versetzte. Hätte er etwas anfangen können mit dem Viervierteltakt, wäre er in jungen Jahren gern Rockmusiker geworden, erzählte Wertmüller aufrichtig verschmitzt im Künstlergespräch am Samstagnachmittag. Laut und explosiv geht es allerdings auch in seinen hochkomplexen, verteufelt anspruchsvollen Werken zu. Bestes Beispiel: «Wertmüller up on his way to the Zivilschutz», entstanden vor bald 20 Jahren: ein furioses Finale der verspielt-versponnenen «Schäferstunden» mit Ruth Rosenfeld, dem Stimmartisten und Gitarristen Mischa Käser, mit Urs Haengg­li und Daniel Studer. Er spiele «sein eigenes Zeugs» zwar kaum noch, überlasse es lieber Könnern wie Lucas Niggli von Steamboat Switzerland (zu hören am Samstag im Wandelkonzert «Niemandsklippen» auf dem Chäserrugg), wenn aber, dann mit Feuer und unbändiger Energie.

Idylle mitten im Gewerbegebiet

Wie sehr Idylle eine Frage der subjektiven Wahrnehmung, des Blicks und seiner Voreinstellung ist, lässt sich in einer ruhigen Stunde zwischen Konzerten, Workshops und Künstlergesprächen im Schloss entdecken. Etwa in den Fotografien von Peter Fuchs, der den Blick auf Werdenberg so verschiebt, wie es die Postkartenidylle vermeidet: auf die Nachbarschaft von Hochhäusern, Bahngleisen und Kehrichtverbrennungsanlage. Oder in den Arbeiten der diesjährigen Stipendiaten Wiebke Maria Wachmann, Sarah Hillebrecht und Albrecht Fersch. Da wird das Schloss zu seiner eigenen idyllischen Aussicht, es wird mit Sehnsucht nach dem Meer geflutet; der Flügel Fräulein Hiltys bekommt in der Schlossküche einen zerlegten Doppelgänger, «Das wohlzerlegte Klavier», dessen Innenleben mit rostigen Alltagsgegenständen neu in Verbindung tritt.

Weitere Konzerte und Performances bis 11.6., Details unter schlossmediale.ch