Schlossmediale: Ein Konzert mit Duftnoten und ein Ferrari aus Goldfolie 

Die Schlossmediale Werdenberg schwelgte zur Eröffnung am Pfingstwochenende in Klängen, Düften und Installationen rund um das Jahresthema «Gold». Zur Uraufführung kamen Stücke für Stimme und Zahnbürsten von Manuela Kerer.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
"Spiegelgold", eine von 21 Allegorien der St. Galler Kostümbildnerin Marion Steiner in der Ausstellung der Schlossmediale Werdenberg.

"Spiegelgold", eine von 21 Allegorien der St. Galler Kostümbildnerin Marion Steiner in der Ausstellung der Schlossmediale Werdenberg.

Das Vorspiel zum «Concert des Parfums» mit Michel Godard und Gambistin Marthe Perl gab es schon auf dem Weg hoch ins Schloss: Holunder in voller Blüte, im Städtli üppige Rosenpracht, betörend duftend. Die Jahreszeit, das Pfingstwochenende, macht mit etwas Glück den besonderen Reiz der Werdenberger Schlossmediale aus – dieses ungewöhnlich sinnlichen, auf Sinnverbindungen zwischen den Künsten ausgerichteten internationalen Festivals für Alte Musik, Neue Musik und Audiovisuelle Kunst.

Konzerte und Kunstinstallationen

Betörend und alle Sinne anregend ist stets auch das Programm, diesmal zum Thema «Gold»: auf der trutzigen Burg über dem Rheintal gar nicht so selbstverständlich wie in anderen Schlösschen. Die Konzerte und Performances, meist im Wandelgang vom Portal bis in die oberen Geschosse eingebettet in die Ausstellung zum Thema, bringen zusammen, was sonst eher in ritualisierten Formen einem Spezialpublikum präsentiert wird.

Die Schlossmediale dagegen gibt sich als lustvolles Fest mit viel Raum für Begegnung, Genuss, lockeren Austausch. Seit acht Jahren wird sie geleitet und kuratiert von Mirella Weingarten. Die Themen erwecken das Schloss jedes Mal auf verblüffend neue Art zum Leben, bringen die dunklen Räume und wehrhaften Zinnen zum Sprechen, küssen klangvoll die Mauern wach.

Musik aus der Gegenwart – ohne Beipackzettel

Zum Einsatz kommen traditionelle oder fast in Vergessenheit geratene Instrumente: etwa Gambe, Serpent, Salterio. Aber auch Haushaltsgeräte wie Staubsauger (im Jahr 2018) oder elektrische Zahnbürsten. Die winzigen Motoren brummen, im Mund als Resonanzraum entstehen maultrommelartige Obertöne – so im Auftragswerk «Impos II» der Südtiroler Komponistin Manuela Kerer, die zusammen mit der Kostümbildnerin Marion Steiner Künstlerin im Fokus der Schlossmediale 2019 ist.

schlossmediale 2019 "gold                                                                         Bilder: Anja Koehler
2 Bilder

schlossmediale 2019 "gold                                                                         Bilder: Anja Koehler

Neugier und Offenheit in alle Richtungen prägt die Musik Manuela Kerers: So hat sie Teile des Strafgesetzbuches vertont, neben Geige und Komposition auch Jura und Psychologie studiert und eine Dissertation über Musik und Demenz geschrieben. Entsprechend emotional und expressiv sind ihre Stücke: Werke, «die auch ohne Beipackzettel wirken sollen», wie sie im Künstlergespräch mit Mirella Weingarten am Samstag sagte.

Midas' Tochter erstarrt zu Gold

Für die Schlossmediale hat sie sich mit dem Mythos von König Midas befasst, dessen Berührung alles zu Gold macht – auch seine Tochter. Die Sopranistin Sarah Maria Sun, Ausnahmetalent für Zeitgenössisches, mit einer Stimme, die neben goldglänzendem Schönklang vom Tierlaut über Geräusche bis zum Schrei ein immenses Spektrum beherrscht, verkörperte sie in «Tocco». Begleitet und rhythmisch getragen von den Musikern des Arcis Saxophon Quartetts: überwältigend.

Glanz und Elend des Goldes kam im Eröffnungskonzert facettenreich zum Klingen; die Vehemenz des Zeitgenössischen machte Ligetis «Sechs Bagatellen» geradezu federleicht, Mendelssohns Capriccio und Bartóks Rumänische Volkstänze umso wärmer: Klänge aus goldenen Zeiten, wie Dvoráks Streichquartett F-Dur am zweiten Abend. Welch starker Kontrast nach Manuela Kerers gläsern fragilem «Gletscherquartett»!

Goldmusik und Duftnoten

Wie fliessend Jazz und Alte Musik,Improvisation und barocke Basslinien ineinanderspielen, zeigte sich im «Concert des Parfums» mit Gambe, Theorbe, Serpent, Saxofon und Stimme – und den passenden Duftkompositionen der Parfumeurin Ursula S. Yeo. Sie wurden wie Weihrauch in einem Ritus im Raum verbreitet, mit über den Köpfen der Zuhörer geschwungenen Fahnen.

Jeweils zwischen den Konzerten lässt sich in der Ausstellung Gold schürfen: Da spielen Marion Steiners Allegorien stilles Mythentheater, wartet Frank Bölters Origami-Ferrari aus Rettungs­decken im ersten Stock, leuchtet zwischen den Zinnen des Turms der Goldball, den Bernd Aury aus Stroh gesponnen hat, schickt Anna Kubelik auf Schatzsuche nach dem Rheingold. Unten im Bistro prangt über der Pinnwand die rhetorische Frage: «Ist alles Gold, was glänzt?» «Ich mag Silber», hat jemand dazu mit Goldstift notiert. Auch ein schönes Thema.

Weitere Konzerte bis So, 16. Juni, Informationen: schlossmediale.ch.