Schlichte Poesie aus dem alten China

Lesbar Lyrik

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Neunzehn Gedichte aus alter Zeit. Gushi shijiu shou Aus dem Chinesischen von Raffael Keller. Bodoni Druck 89. Waldgut 2016, 47 S., Fr. 33.90

Ganz selten ist ein Bodoni-Druck nicht in Blei gesetzt. Der Grund ist einfach: Beat Brechbühl, gelernter Schriftsetzer und Leiter von Waldgut Verlag und Atelier Bodoni, hat Chinesisch nicht im Bleisatz. So sind die «Neunzehn Gedichte als alter Zeit» digital gesetzt und gedruckt – der Inhalt bleibt beeindruckend: links die chinesischen Schriftzeichen, rechts die deutsche Übersetzung.

Die anonymen Fünfsilber, im 2. Jahrhundert entstanden, proben formal wie inhaltlich neue Möglichkeiten des Ausdrucks und sprechen vom Menschen im Bann seiner Gefühle. Der St. Galler Sinologe und Japanologe und Vadiana-Mitarbeiter Raffel Keller hat die aphoristisch dicht wirkenden, gar nicht so fremden Gedichte übertragen und das Buch mit Vorwort und Anmerkungen versehen. Das sechste Gedicht endet so: Vereint im Herzen bleiben wir getrennt / Schwermut bis ins ­Alter unser Los. Und die letzten zwei Verse des vierzehnten klingen beinah aktuell: Ins Heimatdorf, ach, durch die Gassenpforte / führt kein Weg, kein Wünschen mehr zurück.

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Irène Bourquin Schaukelnd im grünen Atem des Meeres, Bodoni Druck 94. Waldgut 2016, 63 S., ­ Fr. 33.90

Vom Tessin ans Meer und bis nach Katalonien

Für die Winterthurer Schrift­stellerin Irène Bourquin sind ­Finale Ligure, das Cap Taillat oder Cadaqués nicht Badeorte – sie hält nach anderem Ausschau. Sie sieht, wie eine einsame Möwe ein Fischerboot sucht. Sie hört, wie eine Zikade ein Loch in die Nacht meisselt. Sie riecht den Regen, der am Lago d’Iseo aus grauem Dunst auf Häuser und Boote, Strassen und Gassen strömt: es regnet / auf alle Denkmäler / es wäscht / den taubenverschissenen / steinernen Helden / den Kopf.

Mit hellwachen Sinnen streift die Dichterin den Wassern entlang, blickt in Höfe und Gärten, blickt Kirchtürmen hoch und Pastell­fassaden entlang. Fängt Farben und Gerüche, Stimmungen und zufällig anwesende Figuren ein und bannt sie in knappe Verse, die ihre ganz persönliche Essenz eines Ortes einfangen. Wie in «Riez»: Im Pastellrausch / provenzalischer Farben / tanzt auf dem Platz / ratternd ein verdorrtes / Platanenblatt. Wenig Verben, ganz viel Atmosphäre.

Dieter Langhart

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