Schlammschlacht in Berlin

Die Intendanten Claus Peymann und Frank Castorf treten von ihren Berliner Bühnen ab. Um ihre Nachfolge ist eine Diskussion entbrannt, die ins Herz des Ensembletheaters trifft.

Valeria Heintges
Drucken
Teilen
Claus Peymann 77 Jahre alt, bis 2016 Intendant der Berliner Volksbühne (Bild: pd)

Claus Peymann 77 Jahre alt, bis 2016 Intendant der Berliner Volksbühne (Bild: pd)

Claus Peymann schäumt – und er schäumt immer wortgewaltig. «Wir erleben gerade das Waterloo des europäischen Theaters, und das Hauptschlachtfeld des Kampfes ist leider Deutschland.» Claus Peymann, seit einem Vierteljahrhundert Leiter des Berliner Ensembles, der Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm, sieht im Interview mit der «Zeit» den Untergang des Theaters in zwei Schritten: Erst haben böse Regisseure die Literatur auf der Bühne zerstört. Jetzt versuchen böse Kulturmenschen auch noch, die Strukturen zu schleifen.

Überall wird gespart

Den ersten Vorwurf mag man belächeln und unter «Geschmackssache» abbuchen. Bei dem zweiten sieht die Sache schwieriger aus. Denn tatsächlich sparen in Deutschland die klammen Kommunen derzeit allüberall an ihren Theatern. Etats werden geschrumpft, die Künstler verzichten auf Tarifverträge, marode Häuser werden nicht saniert. In Rostock wird das Musik- und Tanztheater geschlossen, Tanztheater gibt es in Köln und Bonn schon seit Jahren nicht mehr, Wuppertal hingegen hat kein Schauspiel mehr – und viele Theater, vor allem im Osten, stehen am Abgrund.

Das Problem in Berlin ist allerdings ein anderes. Dort gibt es so viele Bühnen, dass jede einzelne nur überlebt, wenn sie sich spezialisiert. So bietet das Berliner Ensemble unter Peymann konservatives Literaturtheater für ein gesetztes Publikum, das Deutsche Theater dasselbe für etwas jüngere Zuschauer, und die Volksbühne steht für das Ost-Theater schlechthin. Das HAU, Hebbel am Ufer, zeigt frische Produktionen der Freien Szene, Shirin Langhoff am Maxim-Gorki-Theater hat mit ihrem Konzept des Migrationstheaters einen hochpolitischen Anspruch.

Im Sommer 2016 muss Alt-Intendant Claus Peymann (77) das Berliner Ensemble verlassen, im Sommer darauf soll auch Frank Castorf (64) die Volksbühne räumen. Bereits steht Oliver Reese als Peymann-Nachfolger fest, dessen Theater dem des Deutschen Theaters (allzu) sehr ähneln wird.

Offener Brief an Bürgermeister

Da bleibt also die grosse Frage: Wer folgt auf Castorf an der Volksbühne? Darüber tobt in der deutschen Hauptstadt eine Schlammschlacht der Extraklasse. «Berlin braucht keinen Aufbruch in die Zukunft, der mit der Abrissbirne daherkommt. Berlin braucht Frank Castorf und sein Künstlerkollektiv», schreiben Oliver Khuon, Intendant am Deutschen Theater Berlin, Joachim Lux vom Thalia Theater Hamburg und Martin Kusej vom Residenztheater München.

Doch die Messen scheinen gesungen. Michael Meyer, Regierender Bürgermeister, und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner haben Chris Dercon ins Spiel gebracht. Der ist Leiter der Londoner Tate Modern. Die Befürchtung ist gross und nicht unbegründet, dass er auf internationale Co-Produktionen setzen wird. Das aber ginge ins Herz des deutschen Theatersystems, das von der Idee eines Ensembles lebt, das kontinuierlich zusammenarbeitet.

Tim Renner beteuert, das Haus solle nicht «ensemblelos» geführt werden, vielmehr solle es es «eine Vorreiterrolle» spielen und dafür auch mehr Geld bekommen. Alles heisse Luft also? Möglich, aber wenn das Kind im Brunnen liegt, kann es nicht mehr gerettet werden. Und die Volksbühne ist es wert, dass alle in Berlin sehr genau überlegen, was mit ihr werden wird.

Tim Renner 50 Jahre alt, Berliner Kulturstaatssekretär (Bild: pd)

Tim Renner 50 Jahre alt, Berliner Kulturstaatssekretär (Bild: pd)