Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SCHLAFES BRUDER: Es geht um die Mauer in den Köpfen

Ein Vorarlberger Dorf steht im Zentrum des neuen Tanzstücks von Beate Vollack am Theater St. Gallen. Und eine Liebe, deren Schönheit sich nicht zuletzt in einer wundervoll schwebenden Musik zeigt.
Rolf App
Schwieriges Dreieck: Zwischen Johannes Elias Alder (Lorian Mader) und Elsbeth, seiner Geliebten (Swane Küpper), steht Peter (Alberto Terribile), ihr Bruder und Johannes’ Freund. (Bild: Ian Whalen)

Schwieriges Dreieck: Zwischen Johannes Elias Alder (Lorian Mader) und Elsbeth, seiner Geliebten (Swane Küpper), steht Peter (Alberto Terribile), ihr Bruder und Johannes’ Freund. (Bild: Ian Whalen)

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Manchmal möchte man die Augen schliessen und einfach nur lauschen auf diese Klänge, die Clarigna Küng und Philomena Aepli mit ihren Violinen, Isabella Fink am Cello, Nazar Kocherga am Kontrabass und Roland Küng am Hackbrett an diesem Samstagabend in den weiten Raum des Theaters St. Gallen entlassen. Durchsichtig zart und wundervoll schwebend schöpfen die Geschwister Küng aus dem ganzen Reichtum der Appenzeller Streichmusik. Und nehmen gern noch anderes hinzu. Rumänische Volkstänze etwa. Oder Johann Sebastian Bach. Aus dessen Kantate «Komm, o Tod, du Schlafes Bruder» hat der Schriftsteller Robert Schneider 1995 den Titel zu jener Geschichte gewonnen, den dieser Abend erzählt.

Er handelt von Liebe und Not, von Lebensfreude und Trauer, von Freundschaft und Gemeinheit, von Geburt und Tod. Von dem also, was uns zu Menschen macht. Und dazu findet Tanzchefin Beate Vollack, die St. Gallen leider auf das Ende der kommenden Spielzeit in Richtung Graz verlassen wird, in dreissig Tanzszenen aufregend schöne und aufregend neuartige Bilder.

Christian Hettkamp schafft einen Rahmen

Wie aber soll man das kurze Leben des Musikers Johannes Elias Alder mit den Mitteln des Körpers erzählen? Eines Menschen, der ein Genie an der Orgel ist und an diesem Genie ebenso zerbricht wie an seiner verbotenen Liebe zu Elsbeth – und an den engstirnigen Menschen seines Vorarlberger Dorfs? Beate Vollack findet eine raffinierte Möglichkeit. Sie lässt den Schauspieler Christian Hettkamp Passagen aus Robert Schneiders Roman lesen oder deklamieren. So entsteht auf sehr natürliche Weise ein Rahmen für die getanzte Geschichte.

Einen Rahmen formen auch Jon Morells Bühne und seine Kostüme, die zumeist mit dem Gegensatzpaar von Schwarz und Weiss spielen. Die Farben finden sich auf den Paneelen, durch die Tänzerinnen und Tänzer passieren, während über ihnen die Musik spielt. Mächtig vorgelagert jener Fels, zu dem Alder seine Geliebte führt. Schon als Kind hat ihn der Stein gerufen. Er glaubt fest, «dass man von diesem Punkt in den Himmel kömmt». Als er dann tot ist, gestorben daran, dass er aufgehört hat zu schlafen, da trägt man ihn denn auch zu diesem Stein.

Doch von der jungen Liebe bis zum frühen Tod ist es ein weiter Weg. Das Dorf brennt, ein Unschuldiger wird ermordet, eine tiefe Freundschaft bekommt Risse. Elsbeth muss heiraten, aber nicht den Mann, den sie liebt. All dies erzählt «Schlafes Bruder». Seine Erzähler sind die Tänzerinnen und Tänzer der Tanzkompanie, die am Premierenabend die ganze Breite ihrer Ausdrucksmöglichkeiten zeigen – wofür sie vom Publikum mit Standing Ovations belohnt werden.

Da ist, zuallererst, Lorian Mader als Johannes Elias Alder, der in Swane Küpper als Elsbeth sein ideales Gegenüber findet. Und in Alberto Terribile als Peter einen Freund, der auch seine dunkle Seite hat. Da ist seine Familie: Genevieve O’Keeffe als die Mutter, Giulio Panzi als Vater. Und Stefanie Fischer als Philipp, den «närrisch» zur Welt gekommenen Bruder, der mit seiner ausgelassenen Naivität einen besonderen Zauber über alles breitet.

Kraftvoll bricht die Erotik in das Dorf ein

Und dann ist da noch das, was Beate Vollack im Programmheft mit ihrer Herkunft aus der DDR anspricht. «Ich wurde in einem Land mit einer Mauer herum geboren. Für uns gab es keine anderen Erfahrungen als die, die uns vermittelt wurden oder die wir selbst machten.» Und die Mauer war auch in den Köpfen.

Da gibt es dann solche, die dazu gehören wie Oskar, der Lehrer (Than Pham Tri), dessen Arm buchstäblich überallhin reicht. Und es gibt jene, die ausgegrenzt werden. Wie Burga, die Dorfhure (Robina Steyer), die von den Männern erniedrigt wird. Was durchaus tiefere Gründe hat. Denn wie kraftvoll-bedrohlich in diese bornierte und deshalb so moderne Welt die Erotik einbrechen kann, das zeigt niemand besser als Corvinius, der Schauprediger (Emily Pak).

«Schlafes Bruder» wird bis zum 20. April noch insgesamt elfmal gespielt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.