Schildkröte unter Glas

Die britische Künstlerin Tilda Swinton macht eine spontane Aktion im Museum of Modern Art. Das hat eine Kontroverse ausgelöst. Sebastian Moll/New York

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Nickerchen in Museumsvitrine: Tilda Swinton im Museum of Modern Art, New York. (Bild: ap/Richard Drew)

Nickerchen in Museumsvitrine: Tilda Swinton im Museum of Modern Art, New York. (Bild: ap/Richard Drew)

Was am Sonntag im New Yorker MoMa (Museum of Modern Art) geboten wird, war eines der Topthemen bei Twitter und Co. Grund war ein Glaskasten, darin schlummerte die schottische Oscar-Gewinnerin Tilda Swinton. «The Maybe» hiess das Werk, das, wie der Besucher auf nebenstehender Plakette erfahren konnte, aus «lebendiger Künstlerin, Glas, Stahl, Matratze, Kissen, Laken, Wasser, Brillengläsern» bestand.

«Peinlichkeiten gestattet»

Die Kommentare im Netz zum Stück, das die exzentrische Swinton bereits in Rom und London aufgeführt hatte, waren zumeist bissig bis sarkastisch. «Habe gerade meine Schildkröte im Terrarium interviewt, um herauszubekommen, wie sich Swinton fühlt», schrieb Carrie Rachel. «Warum legt sich Swinton nicht in die Penn Station und lässt einen Obdachlosen sich im MoMa ein wenig aufwärmen», fragt Caitlin.

Kurator Klaus Biesenbach dürften solche Reaktionen nicht unrecht sein. «Das Museum soll zum Raum werden, in dem Peinlichkeiten gestattet sind», hat der gebürtige Kölner gesagt, nachdem er die Abteilung für Medien und Performance übernahm. Unermüdlich versucht er seither den Begriff dessen zu erweitern, was das Museum sein kann und was hierher gehört. So hat er vor drei Jahren Marina Abramovic eingeladen, die acht Stunden pro Tag in jenem Atrium sass, in dem nun Swinton lag. Die Menschen standen Schlange, um sich von Abramovic in die Augen starren zu lassen. Danach kam die Konzertserie mit den Elektrorockern Kraftwerk, die schon Monate im voraus ausverkauft war. Und im vergangenen Winter liess er Martha Rosler einen Flohmarkt veranstalten.

Effekthascherei

Biesenbach dekonstruiert das Museum und findet reichlich Anhänger. Der Kritiker Jerry Saltz hingegen hält die vermeintliche Verjüngung des Museums für Effekthascherei. Das einzig Gute sei, dass vielleicht Leute kommen, um Swinton zu bestaunen, und dann mit der Rolltreppe weiterfahren, um sich die grandioseste Kollektion moderner Kunst der Welt anzusehen.

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