«Schiedmauer» für den Choral

1562 schuf Manfred Barbarini Lupus vierstimmige Choralbearbeitungen für das Kloster St. Gallen. Nun gibt es sie auf CD, gesungen von Ordo virtutum.

Bettina Kugler
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ST. GALLEN. Der Gregorianische Choral gilt schon als antiquiert, als Fürstabt Diethelm Blarer um 1560 einen Kompositionsauftrag an den Italiener Manfred Barbarini Lupus da Correggio erteilt. Es ist die Zeit nach der Reformation, die Blütezeit der franko-flämischen Kompositionskunst; es gilt, im Zuge der Gegenreformation die Tradition des Klosters St. Gallen zu bewahren. Wie die Schiedmauer zwischen Kloster und reformierter Stadt soll auch eine Rückbesinnung in der Kunst das Erbe «untermauern».

«Von ergreifender Schlichtheit»

Lupus soll Gesänge für Messe und Offizium vierstimmig vertonen – und er tut es auf eine Art, die ebenfalls aus der Mode gekommen ist. In seinen Kompositionen ist der zugrunde liegende Choral in der Tenorstimme, die übrigen drei Stimmen bilden dazu einen «Cantus coagulatus». Sie «kleben» gleichsam daran, übersetzt Stefan Morent den Begriff – so dass der Choral mit ihnen «überaus süss zusammenklinge, aber dennoch unversehrt erhalten bleibe». Der Tübinger Musikwissenschafter und Leiter des auf mittelalterliche Musik spezialisierten Ensembles Ordo virtutum zeichnet verantwortlich für die erstmals erstellten Transkriptionen dieser Musik, die in zwei Prunk-Handschriften der Stiftsbibliothek überliefert sind – den Codices 542 und 543.

«Das war ein rechtes Abenteuer und eine Entdeckungsreise», sagt Stefan Morent, «denn bis heute gibt es nur ein paar wenige Kompositionen von Barbarini Lupus in Übertragung.» Was auch der Grund dafür ist, dass niemand bisher Barbarinis Werk umfassend beurteilen konnte; man hielt es für rückständig und künstlerisch minderwertig.

Morent sieht das inzwischen anders. «Sein Stil ist sehr speziell», sagt er; «wenn man sich etwas eingehört hat, ist er wirklich schön, man könnte sagen: von ergreifender Schlichtheit.»

Stellt sich die Frage, warum diese Musik bald in der Bibliothek verschwand und in Vergessenheit geriet. Dass sie zu schwierig war für die St. Galler Mönche, hält Stefan Morent für unwahrscheinlich. Mit Ordo virtutum und dem Organisten Roland Götz hat er Barbarinis St. Galler Choralbearbeitungen auf CD aufgenommen; geplant ist anschliessend, die Werke aus den beiden Codices nahezu gesamthaft zu edieren. Zuvor jedoch wird die CD «Cantus coagulatus» in St. Gallen präsentiert und mit einem Konzert im Chorraum der Kathedrale verbunden.

Historische Baldachinorgel

Roland Götz wird die Chorsätze im Wechsel an einem Nachbau einer historischen Baldachinorgel begleiten, so wie es von Schreiber, Kalligraph und Organist Heinrich Keller in den Handschriften vermerkt ist. Die Baldachinorgel ist eine Sonderform des Tischpositivs, bei dem das Gehäuse mit den Pfeifen oben mit einem gewölbten Deckel, einem Baldachin, abgeschlossen ist.

Konzert und CD-Präsentation: Do, 5.11., Chor der Kathedrale St. Gallen, 19 Uhr (Eintritt frei)