«Schicksal, schlag zu!»: Das See-Burgtheater Kreuzlingen feiert im Dauerregen umjubelte Premiere mit «Was ihr wollt»

Nasse Kostüme, rutschig-nasse Bühne: Das Ensemble des See-Burgtheaters Kreuzlingen trotzt couragiert dem Dauerregen. Die Premiere von Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» ist ein Erfolg.

Julia Nehmiz
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Die regennasse Bühne ist rutschig, Shakespeares Sprache schlüpfrig: Franz Josef Strohmeier (links) und Florian Steiner als Sir Toby Rülp und Sir Bleichenwang.

Die regennasse Bühne ist rutschig, Shakespeares Sprache schlüpfrig: Franz Josef Strohmeier (links) und Florian Steiner als Sir Toby Rülp und Sir Bleichenwang.

Bild: Reto Martin

Verwirrt und flirrend vor Liebe steht Olivia auf dem Steg. Dass der Regen auf sie niederprasselt, scheint sie nicht zu spüren. Sie weiss nicht, wohin mit sich und diesen überbordenden Gefühlen, die sie so jäh überfielen. Sie dreht sich um, wirft die Arme in die Höhe und schreit inbrünstig hinaus auf den weiten grauen See: «Schicksal, schlag zu!»

Klar, bei Shakespeare wird das Schicksal zuschlagen, und da «Was ihr wollt» eine Komödie ist, wird es auf gute Art zuschlagen. Doch zuvor schlägt es erbarmungslos zu, Schicksal oder Wettergott oder einfach nur Pech: Ausgerechnet an der Open-Air-Premiere des See-Burgtheaters Kreuzlingen regnet und regnet und regnet es und hört nicht auf.

Das Wasser von der Bühne wischen

Da haben sie sich gegen Corona gestemmt, verzichten auf verkaufte Plätze, damit die Zuschauer auf der für Pandemiezeiten erstaunlich eng bestuhlten Tribüne wenigsten zum Nebenmann Abstand halten können (vom Hintermann hat man hingegen die Knie im Rücken oder die Bierflasche im Nacken), und dann provoziert das Wetter fast eine Absage. Doch Leopold Huber, Co-Intendant des See-Burgtheaters, trotzt dem Regen. Helfer wischen noch schnell das Wasser von der Bühne. Dann legt das Ensemble los. Und spielt so couragiert, dass Dauerregen, Corona und Kälte vergessen gehen.

«If I was a Man», singt Viola (Sofia Elena Borsani), verkleidet sich als solchen – und das Verwirrspiel nimmt seinen Lauf.

«If I was a Man», singt Viola (Sofia Elena Borsani), verkleidet sich als solchen – und das Verwirrspiel nimmt seinen Lauf.

Bild: Reto Martin

«Was ihr wollt», von Shakespeare vermutlich 1601 geschrieben, ist eine saftig-launige Verwechslungskomödie. Die Zwillinge Viola und Sebastian stranden im Sturm an Illyriens Küste, beide denken, der jeweils andere sei tot. Viola (stark: Sofia Elena Borsani) verkleidet sich als Mann und dient Herzog Orsino. Der will die schöne Olivia erobern, doch die verliebt sich in den vermeintlichen Botenjungen. Wenn dann Zwillingsbruder Sebastian (feinfühlig: Samuel David Braun) auftaucht, ist die Verwirrung komplett.

Die grossen Bühne

Regisseur Max Merker macht daraus eine irre rasante Slapstickkomödie. Doch zwischen all dem perfekt getimten Klamauk brechen sich immer wieder die grossen Gefühle Bahn. Merker lässt auch der Tiefe und der Tragik Raum.

Jeanne Devos durchlebt als Olivia intensiv ihr Wechselbad der Gefühle.

Jeanne Devos durchlebt als Olivia intensiv ihr Wechselbad der Gefühle.

Bild: Mario Gaccioli

Die Bühne (Damian Hitz) ist wie eine klassische Fähranlegestelle auf den See hinausgebaut, «Illyria» steht in grossen Lettern wie ein Haltestellenname darüber. Zwei schmale Stege führen im Bogen zum Ufer. Auf einer Art Wachturm sitzt Musiker Sandro Corbat, der mit seiner E-Gitarre das Geschehen untermalt.

In Illyrien regnet es, und auf den nassen Stegen kommen die Schauspieler schon mal ins Rutschen. Nur das Publikum und Musiker Sandro Corbat (rechts) sitzen im Trockenen.

In Illyrien regnet es, und auf den nassen Stegen kommen die Schauspieler schon mal ins Rutschen. Nur das Publikum und Musiker Sandro Corbat (rechts) sitzen im Trockenen.

Bild: Reto Martin

Seine Schauspielerinnen und Schauspieler lässt Max Merker auf Leitern die Bühne erklimmen, auf einem Mofa heranbrettern (auf regennasser Bühne nicht ganz ungefährlich), im Ruderboot ans Ufer paddeln, einer rauscht per Velo an, das ihm prompt in den See stürzt. Dort landet noch so manches andere, und deftig-derb dürfen die Rüpelfiguren Sir Toby Rülp und Sir Bleichenwang über die Reling pinkeln, kotzen, Wein verspritzen. Franz Josef Strohmeier und Florian Steiner spielen genussvolles Volkstheater.

Beim In-den-See-Pinkeln kippt kurz mal das Geländer: Florian Steiner (links) und Franz Josef Strohmeier sind als Sir Bleichenwang und Sir Toby Rülp fürs Derb-Komische zuständig.

Beim In-den-See-Pinkeln kippt kurz mal das Geländer: Florian Steiner (links) und Franz Josef Strohmeier sind als Sir Bleichenwang und Sir Toby Rülp fürs Derb-Komische zuständig.

Bild: Mario Gaccioli

Merker greift tief in Klamottenkiste, lässt Pointe auf Pointe folgen, dass es einem fast schon zu viel wird, doch dann grätscht wieder die Tiefe dazwischen. Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos durchlebt als Olivia intensiv ihr Wechselbad der Gefühle, Schmerz, Sehnsucht, Liebe, Hass, und setzt Komik und Absurditäten fein dazwischen. Maximilian Kraus als ihr devoter Verwalter Malvolio blüht auf und dreht fast durch, wenn er den vermeintlichen Liebesbrief von Olivia findet, und endet als zerbrochenes, gedemütigtes Opfer. Nur der See, dem blieb wetterbedingt an der Premiere der grosse Auftritt versagt.

«Was ihr wollt» im Seeburgpark Kreuzlingen, bis 14. August; Infos unter www.see-burgtheater.ch

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