Scheusslich, aber unwiderstehlich

Im Theater St. Gallen hat morgen Puccinis «Tosca» Premiere. Blutrot sind nicht nur die Kulissen des zweiten Aktes, von Blut trieft die ganze Handlung. Was sagt der Regisseur Alexander Nerlich zum oft geschmähten Meisterwerk?

Rolf App
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Doch noch ein wenig Rache: Tosca (Katia Pellegrino) hat gerade Scarpia (Alfredo Daza) erstochen. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Doch noch ein wenig Rache: Tosca (Katia Pellegrino) hat gerade Scarpia (Alfredo Daza) erstochen. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Julius Korngold hörte «Folterkammermusik», Gustav Mahler nannte sie ein «Meistermachwerk». Oskar Bie bezeichnete sie als «Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen», Richard Strauss tat sie als «notorischen Kitsch schlechter Sorte» ab. Einen «schäbigen kleinen Schocker» nannte ein Oxforder Musikprofessor sie, und der Puccini-Anhänger Richard Specht bekannte: «Eigentlich ist das alles scheusslich.» Fügte aber dann vielsagend hinzu: «Aber es ist unwiderstehlich.»

Sardous Stück ist vergessen

Unwiderstehlich: Genau dies denkt das Publikum seit 116 Jahren über Giacomo Puccinis Oper «Tosca». Während das ihr zugrunde liegende Theaterstück von Victorien Sardou längst in der Versenkung verschwunden ist, hält sich Puccinis Meisterwerk trotz aller Schmähungen der eingangs zitierten Zeitgenossen auf allen Bühnen der Welt.

Mit Grund. Der Regisseur Alexander Nerlich hat gerade einen ziemlich hektischen Tag vor sich, denn morgen wird am Theater St. Gallen seine «Tosca» Premiere haben. Drüben im Theater richten sie gerade das Licht ein, für den Abend ist an diesem Mittwoch die zweite Hauptprobe angesetzt.

Man muss nicht viel hinzufügen

Nicht allzu oft inszeniert Nerlich Opern, er ist eher der Schauspiel-Regisseur. Aber hier in St. Gallen hat er 2010 Alban Bergs Oper «Wozzeck» aus der Taufe gehoben und 2013 Richard Wagners «Der fliegende Holländer». An Puccinis «Tosca» fällt ihm auf, wie offen alles daliegt. «Die Dramatik der Szenen ist so gut komponiert und in Regieanweisungen formuliert, dass man gar nicht so viel hinzufügen muss», sagt er. Am Abend wird sich zeigen, wie recht Nerlich hat. Wie meisterlich Puccini Liebe und Gewalt, sexuelle Begierde und Sadismus zu einem blutigen Ganzen fügt.

Die Geschichte, knapp zusammengefasst: Wir befinden uns im Juni 1800, Rom ist umkämpft von den Anhängern der Königin von Neapel und jenen Napoleons. Der Maler Cavaradossi versteckt den verfolgten Angelotti vor den neapolitanischen Schergen.

Missbrauchte Eifersucht

Floria Tosca, Cavaradossis eifersüchtige Freundin, vermutet hinter seiner Heimlichtuerei eine andere Frau. Das macht sich Baron Scarpia zunutze, der Königin berüchtigter Polizeichef. Er lässt Cavaradossi verhaften und foltern, Tosca muss zuhören. Scarpia hat seinen eigenen Plan. Er begehrt Tosca, will sie durch Druck sexuell gefügig machen.

Scarpias Plan, Toscas Plan

Zum Schein geht sie darauf ein – und ersticht ihn. Allerdings wird auch ihr Überlebensplan nicht aufgehen. So finden auch Cavaradossi und Tosca ihr Ende. Was «Tosca» so anstössig macht, das ist die Tatsache, dass Puccini in seiner Musik einen Blick ins Innere des Monsters Scarpia wirft. Scarpia, das ist der böse Trieb. In keiner Oper wird sexuelle Gier so drastisch präsentiert wie hier. «Deine Tränen entflammten all meine Sinne», sagt er zu ihr, «und der Hass, der aus dem Auge hervorbrach, entfachte die Begierde.»

«Man muss <Tosca> gar nicht aktualisieren», sagt Nerlich. «Wir haben uns vielmehr auf eine stückimmanente Deutung konzentriert. Das verlangt den Sängerinnen und Sängern viel ab, vor allem im zweiten Akt. Es ist eine sehr intensive Zusammenarbeit, in der es vor allem eines nicht gibt: Routine. Die Entwicklung, die vor allem Tosca und Scarpia durchmachen, ist schon bemerkenswert. <Tosca> ist Drama im besten Sinn des Wortes.»

Im Dramaturgischen steht das Gehetzte und Bedrohliche neben grosser Zartheit. Schon die ersten Akkorde hätten «etwas Bauchvorschiebendes, Niederwalzendes», stellt Michael Klonovsky in seinem im Berlin-Verlag erschienen Buch über Puccini fest, «eindrucksvoller lässt sich die Gestik brutalen Machtausübens und Über-Leichen-Gehens musikalisch kaum ausdrücken. Das Scarpia-Motiv trägt gewissermassen Stiefel und verrät die Selbstsicherheit dessen, der foltern lassen darf.»

Das Böse macht keine Pläne

Allerdings liebt Nerlich die Zwischentöne. Wie die zwei Liebenden im ersten Akt «herzzerreissend naiv» sind, und wie dieser Scarpia zum Spieler wird, der sich verrennt. Was er will, ist «in keiner Weise ideologisch motiviert. Er nutzt eine rechtlose Zwischenzeit, um Anarchie walten zu lassen. Ob er am Ende draufgeht, ist ihm egal».

Das Böse macht keine Pläne. Auch davon erzählt «Tosca». Doch draussen steht der Kostümbildner und lächelt. «Ein gutes Zeichen», sagt Alexander Nerlich. «Wir kämpfen noch darum, dass das Kleid zerrissen wird. Mal sehen, ob das geht.»

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