SCHAUSPIELPREMIERE: Vergnügliche Räuber-Revue mit zähem Ende

Mit einer ironischen Inszenierung gibt Schauspielchef Jonas Knecht Schillers «Die Räuber» eine schrille, phasenweise temporeiche Interpretation, bleibt aber zu sehr in der infantilen Posse stecken.

Hansruedi Kugler
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Dimitri Stapfer als Student Karl Moor und Matthias Albold als sein späterer Räuberkumpan Spiegelberg. (Bild: Iko Freese/Theater St. Gallen)

Dimitri Stapfer als Student Karl Moor und Matthias Albold als sein späterer Räuberkumpan Spiegelberg. (Bild: Iko Freese/Theater St. Gallen)

Jonas Knecht bleibt seiner Handschrift treu: Bildstark, musikalisch, tänzerisch ist auch seine erste grosse Inszenierung diese Saison im Theater St. Gallen. Dem Schiller-Klassiker «Die Räuber» tut das zunächst sehr gut: Die doch etwas holprige Handlung mit vielen trivialen Motiven und langen Reden wird durch die bildhafte Zuspitzung transparent und das forcierte Tempo macht den Abend lange zur vergnüglichen, allerdings wenig tiefsinnigen Revue. Jonas Knecht führt uns ein infantiles Szenario vor: Die feindlichen Brüder (der lebenslustige Karl: Dimitri Stapfer; der neidische Intrigant Franz: Tobias Graupner) laufen wie kleine Buben in kurzen Hosen und in Kniestrümpfen herum, ihr Vater (Bruno Riedl spielt ihn als debiler Weichling) steckt im Morgenmantel.

Nicht Gerechtigkeit, sondern existenzielles Vergessen

Sofort ist klar: Hier wird eine Kain-und-Abel-Geschichte erzählt. Schon die Farbverteilung ist sprechend: Karls grüner Anzug steht für Natur, Franz’ roter Anzug für Falschheit. Hübsch, wie die beiden in der Rückblende als Buben auftreten, «Himmel und Hölle» spielen, der Vater aber Franz ignoriert. Die Eifersucht auf den vom Vater bevorzugten Karl kocht hoch, treibt den «trockenen Alltagsmenschen» Franz zur bösen Intrige. Der Vater fällt auf den fingierten Brief rein, in dem Karl als verschuldeter Verführer und Mörder geschildert wird. Worauf dieser als Reaktion auf den väterlichen Verfluchungs-brief gleich als marodierender Räuber in die Wälder zieht – eher nicht auf der Suche nach Gerechtigkeit, nach Revolution, sondern eher nach existenziellem Vergessen. Das wird hier nur erzählt, Karls Räuberkumpane prahlen mit Vergewaltigungen, stellen ein paar Bäumchen auf die Bühne. So leichtgläubig, impulsiv und aufbrausend die Figuren, so verheerend die Auswirkungen ihrer Kurzschlusshandlungen: Kein Weg führt den gutherzigen Karl zurück aus der geschworenen Loyalität zur mordschatzenden Räuberbande hin zu seiner Geliebten Amalia; zu spät die Einsicht des Vaters, dass er auf eine plumpe Lüge reingefallen ist.

Schillers jugendlich ungestümes Stück wird in St. Gallen mit mal schriller, mal ruppiger Live-Musik unterlegt, was der Inszenierung eine coole Note gibt. Am Ende aber sind alle erschöpft und ernüchtert von ihren Leidenschaften. Dass Jonas Knecht Karl Moors Ekel vor seiner «tintenklecksenden» Zeit zusammenstreicht (darin finden sich nämlich Generationen von Jugendliche wieder) und dafür ausgiebig das übertrieben theatralisch ausgekostete Selbstmitleid des intriganten Franz ins Zentrum rückt, lässt einem ratlos zurück. Für ihn mag man sich nicht so recht interessieren, sein Monolog ist dann ärgerlich zäh. Karl Moor wird so fast zu einer Nebenfigur. Ein bisschen gebrochener Idealist bleibt er dennoch, wenn er sich am Ende für einen Verarmten opfert.

Hansruedi Kugler

Nächste Vorstellung: Di, 26.9.