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Schauspielhaus Zürich: Neustart rundum geglückt

Ein Hauch von Berghain und eine Intendanz, die sich singend bei ihren Sponsoren bedankt. Die Saisoneröffnung am Schauspielhaus Zürich am Mittwoch und Donnerstag war unbekümmert, enthusiastisch und glaubhaft authentisch.
Julia Stephan und Julia Nehmiz
Die sechs jungen Darstellerinnen in Suna Gürlers Inszenierung «Flex» eröffneten das Festival am Mittwochabend im Zürcher Schiffbau mit einer Auseinandersetzung übers Frausein. (Bild: Gina Folly)

Die sechs jungen Darstellerinnen in Suna Gürlers Inszenierung «Flex» eröffneten das Festival am Mittwochabend im Zürcher Schiffbau mit einer Auseinandersetzung übers Frausein. (Bild: Gina Folly)

Allen, die fürchten, ein gepflegter Theaterbesuch liege bei den neuen Gastgebern Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann in Zürich nicht mehr drin, sei gesagt: Ja, man kann am Pfauen immer noch im Restaurant Teatro nebenan dinieren. Man kann aber auch links in den Spar rein und sich mit dem Cüpli aus dem Supermarkt auf die Strasse stellen.

Und ja, Hausregisseur und Stimmungszauberer Alexander Giesche und Bühnenbildnerin Nadia Fistarol haben den roten Teppich aus dem Pfauen-Foyer gerissen, einen alten Marthaler-Spruch und das nackte Gerippe der Gebäudetechnik hinter historischen Wandschichten freigelegt. Sie haben unter Einsatz von viel Grau, giftigem Gelbgrün, grellem Licht und marmorierten Lounge-Kuben - die den Besuchern siebzig neue Sitzgelegenheiten schenken - die maximale Distanzierung von der kuscheligen Behaglichkeit von einst geschaffen. Aber: Der denkmalgeschützte historische Theatersaal sieht aus wie eh und je. Also kein Grund zur Beunruhigung. Hier wird immer noch Theater gemacht – und was für eins!

So normal, entspannt und cool, wie an der Saisoneröffnung am Pfauen am Donnerstagabend, hat man soziale Biotope selten nebeneinander erelbt. Hatte vor sieben Jahren nur schon der potenzielle Einzug einer McDonalds-Filiale neben dem Pfauen bei Theaterleitung und Publikum noch Entrüstungsstürme provoziert, scheint die Co-Intendanz Stemann /von Blomberg endlich das umzusetzen, um was Theater rhetorisch jederzeit und überall bemüht sind: den Dialog mit allen Gesellschaftsgruppen zu suchen.

Um ihr «Theater der Gegensätze» mit einer 350 starken Crew zusammenzuhalten, braucht es Improvisationslust. Bei der Ansprache am Donnerstagabend verlas Nicolas Stemann singend die Sponsorenliste, mit offen gespielter Spontaneität («Huch, da steht ja eine Gitarre!») Für die Nachreichung der vergessenen Blumen für die Festrednerinnen, Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch und Madeleine Herzog, Leiterin der kantonalen Fachstelle Kultur, setzte Kollege Benjamin von Blomberg, spektakulär zum Sprint an («Kann man Ihnen die Blumen auch nachschicken?»).

Als wollten die zwei keinen Zweifel an ihrer Mission lassen, schüttelten sie bei der Schiffbau-Eröffnung am Mittwochabend emsig Zuschauerhände. DJ-Muik, rollschulfahrende Helfer und eine queere Gemeinschaft brachten auf dem Vorplatz den Berghain nach Zürich. Eine leuchtende Harald-Naegeli-Figur hängt neu am Eingangsportal. Der legendäre Zürcher Sprayer soll, so Nicolas Stemann in seiner Ansprache, an die «subkulturelle Vergangenheit» des «Gentrifizierungsmotors» Schiffbau erinnern.

Die Frauen hatten das erste Wort

Es war eine Ansage an die alten weissen Männer, diese ersten drei Inszenierungen, in denen nur Frauen auf der Bühne standen. Die polnische Schauspielerin Danuta Stenka, in ihrer Heimat ein Star, hüllte sich in Franz Xaver Kroetz’ «Wunschkonzert» (Regie: Hausregisseurin Yana Ross) fast eineinhalb Stunden in depressives Schweigen. Das Publikum verfolgte um eine offen im Schiffbau stehende Ikea-Wohnung herum, wie eine einsame, abgelöschte Frau ihre Sehnsüchte mit routinierten Handgriffen in ihren Körper zurückzwingt. Am Fernsehen feierte der Kardashian-Clan in der bekannten Reality-Show derweil eine Hochzeit in Paris. Stenka kaute dazu vorm Bildschirm auf trockenem Knäckebrot und liess ihr Gesicht um keinen Zentimeter verrutschen.

Orgiastisch und wild dagegen das Kräftemessen der Charakterdarstellerinnen Maja Beckmann - die legendäre «Sabbl» aus der TV-Sitcom «Stromberg» ist neu im Ensemble- und dem alten Ensemblemitglied Henni Jörissen in Hochform auf der Pfauenbühne in Christopher Rüpings («Regisseur des Jahres») Literaturadaption «Der erste fiese Typ der US-amerikanischen Künstlerin und Feministin Miranda July, zu dem Sängerin Brandy Butler den Soundtrack lieferte.

Sechs junge Darstellerinnen standen schliesslich in der temporeichen Eröffnungsinszenierung «Flex» von Suna Gürler (Bild) auf der Bühne. Die Produktion des Jungen Theater Basel lässt junge Frauen im Teenager-Gesprächspingpong über die Widersprüche des Frauseins debattieren.

Jugendtheater kriegt den Respekt, den es verdient

So ehrlich, tabulos und obendrein unterhaltsam war feministische Theorie lange nicht mehr. Die Inszenierung war am Jungen Theater Basel 2015 weit vor Beginn der #MeToo-Debatte entstanden. Dass man mit ihr jetzt die Spielzeit eröffnet , hat mit dem Selbstverständnis der neuen Intendanz zu tun: «Wir wollen junge Menschen auf Augenhöhe ins Haus holen», betonte Benjamin von Blomberg am Mittwochabend nochmals in seiner Ansprache. Jugendproduktionen werden in Zürich künftig gleichberechtigt im Programm geführt. Und Hausregisseurin Suna Gürler könnte eine der grössten Neuentdeckungen der laufenden Saison werden.

Deutsch ist eine Bühnensprache unter vielen

Und noch eine Realität sickert dank dem beherzten Aufbruch der Intendanten endlich durch die dicken Wände des Stadttheaters: Zürich und die Welt sind mehrsprachig. Sämtliche Inszenierungen sind künftig mit Englisch untertitelt. Und das ethnisch durchmischte Ensemble hat ohnehin mehr zu bieten als astreines Bühnendeutsch. Viele Schauspielerinnen haben in Zürich ihr erstes Engagement+ an einem deutschsprachigen Haus überhaupt.

Schauspieler ja, aber wir sind noch viel mehr

Apropos Schauspieler: Die haben sich zur Beantwortung von Fragen, die ihnen ihre Kollegen in anonymen SMS geschickt haben, am Donnerstagabend in Zweiminütern auf die Bühne gestellt. Von abgefahrenen Videoprojekten über Raupen, die über den Walk of Fame kriechen über improvisierte Provokationen wie die vom Schauspieler des Jahres 2019, Nils Kahnwald («Wer möchte schon sein Abo abgeben?»), war alles vertreten. Und fest steht schon jetzt: Da sind nicht nur Profischauspieler, sondern auch Kabarettisten, Slampoeten, DJ’s,Filmemacher, Clowns, Tänzer und bildende Künstler am Werk.

Tanz und bildende Kunst gehören neu zum Programm

Warum sollte ein Schauspielhaus nur für Schauspiel da sein? Steman und von Blomberg holen die Transgenderkünstlerin Wu Tsang und ihr Ensemble Moved by the Motion aus den Galerien und Museen. Das letzten Freitag erstmals gezeigte«Sudden Rise» ist eine der kürzesten Produktionen, doch visuell ein grosser Abend, der den herkömmlichen Theaterbegriff sprengt. Zwischen Projektionen beginnt ein kaleidoskopisches Verwirrspiel: Wer ist echt? Wer ist Bild? Identitäten lösen sich auf. Wie Geisterwesen fallen sie, stürzen, fliegen, tanzen, verschmelzen mit den realen Performern, aber vielleicht ist es auch umgekehrt. Alle Sparten verbinden sich, Theater, Musik, Film, Kunst, Sprache, Tanz – warum unterscheiden, wenn sie sich organisch ergänzen und bereichern.

Das vollständige Saisonprogramm finden Sie unter www.schauspielhaus.ch

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