SCHAUSPIELEREI: Fräulein Stark in der Schule der Fantasie

In der Lokremise wird aus Thomas Hürlimanns Novelle «Fräulein Stark» ein Hör-Drama. Für die Schauspieler HansJürg Müller und Anna Blumer bedeutet es: Wieder bei null anfangen, neugierig eintauchen in eine Geschichte.

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Auf dem Weg zum Hör-Drama in der Lokremise: HansJürg Müller und Anna Blumer spielen, Georg Scharegg (rechts) inszeniert. (Bild: Urs Bucher)

Auf dem Weg zum Hör-Drama in der Lokremise: HansJürg Müller und Anna Blumer spielen, Georg Scharegg (rechts) inszeniert. (Bild: Urs Bucher)

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@tagblatt.ch

Am Abend werden sie das Hör-Drama, wie Georg Scharegg seine Fassung von Thomas Hürlimanns «Fräulein Stark» nennt, noch einmal durchgehen, diesmal als Ganzes. Es sind die letzten Tage, alle Elemente müssen sich ineinander fügen. Und während sich Maja Stolle, Matthias Albold und Fabian Müller in die Mittagspause verabschieden und Jonas Knecht zurück bleibt und weiter am Sound tüftelt, setze ich mich mit dem Regisseur Georg Scharegg und den Schauspielern Anna Blumer und HansJürg Müller in den sonnendurchfluteten Hof der Lokremise beim Bahnhof St. Gallen.

Wie man zum Theater kommt: zwei Schauspieler erzählen

Sie sind ein ungleiches Trio. HansJürg Müller, bald sechzig, hat anfangs der Saison seine erste feste Stelle angetreten. Die Anfrage des neuen Schauspieldirektors Jonas Knecht hat ihn im Spital erreicht, wo er, «dem Teufel gerade noch einmal vom Karren gesprungen», kurzerhand ja gesagt hat. Seinen Marktfahrerberuf hat er aufs Eis gelegt, auf den Basler Flohmärkten hat er damit immer dann gutes Geld verdient, wenn die Einkünfte aus den freien Theater-Engagements nicht reichten für ihn und seine Töchter. Das heisst: ziemlich oft. Die Erwartungen der Eltern hat er auf diesem Lebens- und Berufsweg gleich mehrfach enttäuscht. Immerhin: Bevor er sich in Berlin ins Abenteuer Schauspielerei stürzte, lernte er «etwas Rechtes» und machte die Schreinerlehre – was ihm sehr gefallen hat.

Anna Blumer hat in der Ostschweiz ein erstes Mal Eindruck gemacht, als sie im schönen Sommer 2015 beim Kreuzlinger See-Burgtheater draussen am See die Julia in der Dramatisierung von Gottfried Kellers «Romeo und Julia auf dem Dorfe» gespielt hat. Mit sechzehn hat sie im Zirkus Chnopf erste Bühnenerfahrungen als Artistin und Seiltänzerin gesammelt. Dann hat sie Philosophie und Volkswirtschaft studiert, «aus dem Grundantrieb heraus, dass ich verstehen wollte, wie die Welt funktioniert. Mit der Philosophie lerne ich, die richtigen Fragen zu stellen, und die Wirtschaft ist sowieso omnipräsent.» Dann hat Anna Blumer festgestellt, dass im Schauspiel ähnliche Fragen gestellt werden wie in der Philosophie, «aber praktischer. Ausserdem hat mir die Arbeit mit dem Körper mehr gegeben, als hinter Büchern zu sitzen.» Es sei «ein sehr, sehr schöner Beruf», sagt sie. «Die Schauspielerei ist enorm abwechslungsreich, denn bei jedem Projekt fängt man in einer neuen Konstellation wieder bei null an. Das belebt und erfrischt.»

Schon während des Studiums an der Uni Zürich hat Georg Scharegg viel Theater gespielt. «Für mich war immer klar, dass es in diese Richtung geht», sagt er. Er hat auf vielen Bühnen gestanden, auch in vielen Fernseh- und Spielfilmen mitgewirkt – und vor vierzehn Jahren in Berlin den «Theaterdiscounter» gegründet, ein kleines Theater, an dem viel experimentiert wird.

Ein Experiment für Ohren-Menschen

Ein Experiment ist auch das «Fräulein Stark». «Wir setzen für einmal vor allem auf die akustische Ebene und weniger aufs Visuelle», sagt Scharegg. «Auch das Publikum soll versuchen, die Geschichte über diesen Sinn zu erfahren.» Den Schauplatz, die Stiftsbibliothek, kennt Scharegg zwar, und auch den Skandal, den Thomas Hürlimanns Novelle damals ausgelöst hat. Sie aber zum Schauplatz zu machen, das hätte seiner Idee widersprochen. «Theater ist ja eine Schule der Fantasie, man soll wahrnehmen, was in Wirklichkeit gar nicht da ist.» Darauf hat auch Thomas Hürlimann gesetzt. Der habe erzählt, er sei froh gewesen, seinerzeit bei der Abfassung seiner Novelle nicht noch einmal die Stiftsbibliothek besucht zu haben, erzählt Georg Scharegg. «Das hätte seine Erinnerung verfälscht. Auf die Erinnerungen aber kommt es an, nicht auf die Realität.»

Das Theater als Raum der Fantasie: Die Schauspieler lassen sich gerne von dieser Kraft treiben. Lustvoll probieren sie an einer Probe wenige Tage zuvor mal dieses, mal jenes aus. Manches wirkt noch improvisiert, dann blitzt unvermittelt Können auf. Etwa, wenn der Monsignore, den HansJürg Müller unter anderem spielt, betrunken vom Podest wankt. Zwei Eindrücke bleiben vom Abend: Da stehen lauter Unikate in der Lokremise. Und: Wie fürsorglich sie miteinander umgehen. Und wie sie miteinander und nicht für sich spielen.

Unikate sind wir alle. «Wenn ich hinauf zur Felsenstrasse gehe, treffe ich sicher zehn Unikate, die mich faszinieren», sagt HansJürg Müller. «Aber vielleicht haben wir das Glück, das Unikat vergrössern zu können, indem wir Figuren annehmen und in uns wachsen lassen. Wir sind dann Unikate im Quadrat.» Ebenso wichtig ist für die drei aber etwas anderes. Anna Blumer sagt es so: «Theater entsteht aus einer Gruppe heraus. Nur wenn wir miteinander spielen, einander Raum geben und stützen, kann es gelingen. Wir dienen der Geschichte.»

Die Bibliothek als ein System der Macht

Der Regisseur kann mit seinen Hinweisen diesen Prozess der Gemeinschaftsbildung zwar befördern, ausgehen und getragen werden aber muss er von den Schauspielern. Die Abläufe müssen sie bis zur Premiere so weit beherrschen, dass sie «anfangen können, damit zu spielen», sagt Anna Blumer. Beim «Fräulein Stark» versuchten sie «wie ein Orchester unseren Figuren Stimmen zu geben». Sie werden «Teil eines Systems», fügt Georg Scharegg hinzu. «Die Bibliothek ist ja ein System. Thomas Hürlimann beschreibt sie als ein System von Macht, das mit seinen Regeln etwas Absurdes, Kafkaeskes hat.»

Bei der Matinee hat HansJürg Müller gemerkt, dass viele Zuhörer die Geschichte rund um das «Fräulein Stark» und den Skandal, den die Novelle ausgelöst hat, kennen. «Wir dagegen, neu am Theater, treten an sie ganz unbefangen heran.» Das «Fräulein Stark» ist eine weitere Kurve in der Achterbahnfahrt seines Lebens, in der es mal aufwärts, mal abwärts gegangen ist, mit grossen Durststrecken. «Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die sich verabschiedet haben.» Ihn hat das Durchhalten glücklich gemacht.