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Schauspieler-Rituale: mit Schlaf und Klimmzügen gegen die Angst

Wie bringen sich Schauspieler vor ihrem Auftritt in Stimmung? Welche Rituale haben sie sich fürs Überleben zugelegt? Einige gut gehütete Geheimnisse aus dem Backstagebereich.
Julia Stephan
Schauspieler Matthias Neukirch im Schiffbau Zürich: Vor einer Premiere fallen ihm die Augen zu. (Bild: André Albrecht (Zürich, 28. September 2019))

Schauspieler Matthias Neukirch im Schiffbau Zürich: Vor einer Premiere fallen ihm die Augen zu. (Bild: André Albrecht (Zürich, 28. September 2019))

Vor jedem Auftritt fällt Matthias Neukirchs Lampenfieberkurve steil ab. Das Ensemblemitglied des Zürcher Schauspielhauses kann noch so nervös sein: Sein Körper rebelliert und fällt aus Protest in eine Art Winterschlaf. «Ich könnte überall schlafen», erzählt der 56-Jährige.

Wo Matthias Neukirch in der Ruhe die Kraft sammelt, sucht Autor und Kabarettist Christoph Simon (47) in der Kraft die Ruhe, die ihm sonst fehlt: Simon dämmt seinen Fluchtinstinkt mit Liegestützen und Klimmzügen ein. «So verwandele ich mich vom Deserteur zum Kämpfer», ist er überzeugt. Um den Fokus zu schärfen und den Text zu memorieren, zeichnet er vor jedem Auftritt die Geschichte, die er seinem Publikum erzählen will, auf ein Blatt Papier. Das sei gesünder, als sich seinen Mut zur Redseligkeit anzutrinken, wie er es in der Poetry-Slam-Szene gelernt hat.

Wie verschieden Lampenfieber erlebt wird, zeigt ein Blick über die Sprachgrenze: Zwischen der gesteigerten Lebendigkeit des deutschen Lampenfiebers und dem lähmenden stage fright (Bühnenangst) der Engländer liegt ein Empfindungsspektrum, dem man mit Einheitsrezepten nicht beikommt. Der Berner Satiriker Matto Kämpf formuliert: «Es kommt auf die Lampe an.»

Ursprünglich bezog sich das deutsche Lampenfieber nur auf Musiker. Die mussten im 19. Jahrhundert plötzlich vor grossem, unbekanntem Publikum auswendig fremde Stücke vortragen. Das erforderte alles ein hohes Mass an Selbstreflexion – eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Lampenfieber.

Musiker leiden laut einer 1992 veröffentlichten Studie noch immer am meisten unter dieser Form der Leistungsangst, gefolgt von Sängern, Tänzern und Schauspielern. Während die Bühnenangst von Musikern gut erforscht ist und in der Ausbildung auch thematisiert wird, erhalten Schauspieler bis auf gut gemeinte Tipps von Dozenten («Gehen Sie vor Ihrem Auftritt nicht so viel auf die Toilette, das erhält die Grundspannung») selten professionelle Bewältigungsstrategien an die Hand.

Reinigungsrituale sind besonders beliebt

Die meisten Schauspieler haben sich ein persönliches Ritual zugelegt. Rituale beruhigen die Seele, bündeln die Aufmerksamkeit und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Neben den klassischen Bewegungs- und Sprechübungen aus der Ausbildung, Yoga und dem professionellen Herumblödeln vor dem Auftritt sind Reinigungsrituale, die auch in religiösen Zusammenhängen anzutreffen sind, unter Schauspielern beliebt.

Das komplexe Ritual aus Zähneputzen, Gurgeln, Inhalieren und einer Nasenspülung des weltberühmten Tenors Enrico Caruso (1873–1921) ist ein besonders bizarrer Auswuchs dieser Praxis. Der Schweizer Schauspieler Pan Aurel Bucher (29) stellt sich unter die Dusche. Isabelle Menke (53), bis letztes Jahr am Schauspielhaus Zürich engagiert, schwört aufs Zähneputzen – «schon allein aus Respekt vor den Kollegen, denen man doch sehr nahe kommt». Ebenso Kabarettist Gabriel Vetter («da hat man eine Verantwortung dem Mikrofon gegenüber»). Vetter pudert sein Gesicht vor jedem Auftritt mit einer Dose, die ihm Kollegin Hazel Brugger geschenkt hat («es muss genau diese Dose sein») und zieht sich frische Socken an.

Vordergründig zwanghaft erscheint auch die Routine, die sich Patti Basler und ihr Bühnenkollege Philippe Kuhn zugelegt haben. Die beiden genehmigen sich vor jedem Auftritt einen doppelten Espresso. «Ist keine Kaffeemaschine da, muss der halt von irgendwo organisiert werden, da sind wir strikt», erklärt Basler. In der Pause folgt ein Glas Weisswein. Basler ist überzeugt: Würde nur ein Getränk wegfallen, wäre der Ablauf empfindlich gestört.

Isabelle Menke, die häufig vor einem Auftritt ihre Füsse auf den dicken Scheinwerferkabeln massiert, sucht für jede Produktion, in der sie mitspielt, nach einem passenden Essensritual. Menge und Zeit der Nahrungsaufnahme müssen genau eruiert werden. «Habe ich die Lösung gefunden, lasse ich mich ungern davon abbringen», erklärt sie. Auch die Requisiten werden von ihr akribisch überprüft – «obwohl das an grossen Häusern die Kollegen von der Requisite extrem zuverlässig erledigen.»

Nicht alle Rituale vertragen sich gut miteinander

Regisseur und Schauspieler Maximilian Merker (42) hält seine Kollegen nicht für verrückt. Er hat an sich selbst beobachtet, dass die Bühnenpräsenz leidet, sobald man sein Ritual nicht mehr mit derselben Ernsthaftigkeit ausführt. Wie man die Grundspannung für den Bühnenauftritt aufs gesunde Mass bringt, ist aber so individuell, dass es nicht verwundert, dass das Nebeneinander von Ritualen auch zu Reibereien führt. Christoph Simon etwa gehen im Backstage die Musiker auf die Nerven, die an ihren Instrumenten rummachen. «Da schliesse ich mich im WC ein, um meine Ruhe zu haben.» Pan Aurel Bucher erinnert sich an seine Schauspielschulzeit: «Bei gewissen Kommilitonen wollte man die Tür des Einsprechzimmers vor einer Vorstellung lieber nicht öffnen. Ansonsten hätte man mindestens eine Schreisalve abbekommen.»

«Tatort»-Kommissarin Delia Mayer, die sich für ihren Auftritt in «Der Besuch der alten Dame» am Luzerner Theater ohrenbetäubend im Treppenhaus einsingt, amüsiert es, wenn sie den Kollegen am selben Ort zur selben Zeit begegnet, «weil alle ihre Abläufe haben». Und diese Abläufe münden an Theatern, an denen für den perfekten Abend jedes Zahnrad ins andere greifen muss, in Gruppenrituale, welche die am Haus eingeübten Abläufe zu Routinen verfestigen. «Als ich für den ‹Homo Faber› in Zürich auf der Bühne stand, betraten wir die Bühne zu sechst über einen unterirdischen Gang. Da durfte die Reihenfolge, mit der wir bei der Premiere hintereinanderliefen, nicht mehr geändert werden», erinnert sich Matthias Neukirch. Manchen Schauspielern gibt das Sicherheit. Andere empfinden das als lästigen Gruppenzwang.

«Theater hat etwas mit Magie zu tun; Theaterspielen ist die Kunst, voll kontrolliert die Kontrolle zu verlieren; über die eigenen Emotionen, den eigenen Körper. Daher sind am Theater alle ein bisschen abergläubisch.»
Nico Delpy, Schauspieler

Rituale können auch eine übersinnliche Qualität haben. Bei der Schauspielerin, Kabarettistin und Slampoetin Milva Stark etwa, die mit dem Velo ans Konzert Theater Bern fährt und dabei nie Premierenkleidung trägt. «Ich hätte ein schlechtes Gefühl dabei, bereits vorher festliche Kleidung zu tragen, die muss ich mir erst noch verdienen», sagt sie. «Irgendwann habe ich gedacht, wenn ich das jetzt ändere, bringt es Unglück.» Ein Kollege von ihr lässt sich extra eine Tasche ins Kostüm nähen, damit er einen Ring, der ihm viel bedeutet, darin verstauen kann.

Aberglaube ist weit verbreitet

«Theater hat etwas mit Magie zu tun; Theaterspielen ist die Kunst, voll kontrolliert die Kontrolle zu verlieren; über die eigenen Emotionen, den eigenen Körper. Daher sind am Theater alle ein bisschen abergläubisch», bestätigt Nico Delpy (43), ebenfalls Ensemblemitglied am Konzert-Theater Bern. Am Vorabend jeder Vorstellung legt er seinen Text unter sein Kopfkissen. Delpy ist überzeugt, dass es dann zu einem sinnlicheren Austausch zwischen Text und Gehirn kommt. Kein Fleiss dieser Welt könne das leisten. Sein Ritual hat auch einen pragmatischen Zweck: Er braucht keinen Eintrag im Terminkalender, die Konzentration auf die Vorstellung beginnt schon am Abend davor.

Solange man es sich nicht zum Ritual macht, sich aus Lampenfieber die Lampe zu füllen, sind Rituale etwas Gutes. Gemäss einer australischen Studie aus dem Jahr 2015 haben allerdings nur 29 Prozent der befragten Schauspieler noch nie Substanzen eingenommen, um Probleme mit dem Auftritt loszuwerden.

Nicht nur die Bühnenangst, auch der emotionale Hangover danach ist ein Problem. Die Psychologin Regina Studer von der Fachhochschule Nordwestschweiz und die Theaterwissenschafterin Yvonne Schmidt von der Zürcher Hochschule der Künste sammeln in einem Forschungsprojekt Strategien, mit denen Schauspieler das Adrenalin nach dem Auftritt wieder aus ihrem Körper kriegen. Denn das hartnäckige Gerücht, wonach Schauspieler bis zu zwei Stunden nach ihrem Auftritt eingeschränkt zurechnungsfähig seien, besitzt einen wahren Kern.

Das Einmaleins des Theateraberglaubens

Pfeifverbot

Pfeifen bringt Unglück. Man verärgert die Geister am Haus und riskiert, an der Premiere ausgepfiffen zu werden. Die Hintergründe: Weil Theater früher mit Gaslampen beleuchtet wurden, die pfiffen, sobald der Brennstoff ausging, wies das Geräusch auf ausströmendes Gas hin. Zudem verständigten sich Bühnentechniker früher durch Pfeifen. Wer will schon während der Aufführung ungewollt ein Bühnenbild in Bewegung setzen?

Macbeth? Pssst ...!

Den Namen des Shakespeare-Dramas spricht man besser nicht aus. Historisch verbürgte Massenschlägereien während «Macbeth»-Aufführungen, der Hexenzauber in der dritten Szene und die hohe Kampfszenendichte, bei denen für Schauspieler früher Verletzungsgefahr drohte, mögen Gründe sein für den Fluch, der auf dem Drama lastet. Weil «Macbeth» ein Publikumsmagnet war, programmierte man ihn, wie heute Musicals, um Geld in die Kasse zu spülen. Stand das Stück am Ende der Spielzeit auf dem Programm, drohte wohl Konkurs.

Generalprobe: Bitte scheitern

Je schlechter die Generalprobe, desto besser die Premiere. Das gilt auch heute. Wer bei der Generalprobe patzt, reisst sich im Ernstfall zusammen. Sieben Durchläufe bis zur Premiere bringen Glück. Applaus nach der Generalprobe bremst den Erfolgshunger der Schauspieler. Nur selten wird heute noch die letzte Textzeile in einer Generalprobe weggelassen.

Hals- und Beinbruch!

Wünsche einem Schauspieler niemals «Viel Glück!». Sonst muss er dreimal ums Theater laufen, um den Fluch, der auf ihm lastet, abzuschütteln. Die Rezitation des Schlussmonologs des Puck aus Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» kann Abhilfe schaffen. Oder das Drehen um die eigene Achse. Akzeptiert ist lediglich ein «Toi! Toi! Toi!» (Kurzform für Teufel), bei dem man dem Gegenüber dreimal über die linke Schulter spuckt, oder ein «Hals- und Beinbruch», für das man sich niemals bedanken sollte und auf das man besser mit einem «Wird schon schiefgehen» antwortet. Und bloss nicht durch den Vorhang aufs Premierenpublikum linsen – bekannte Gesichter machen nervös.

Spiegelverbot auf der Bühne

Spiegel reflektieren das Scheinwerferlicht, blenden das Publikum, geben ihm Einblicke in Bereiche, die ihren Glauben an den Illusionsraum zerstören. In der Gegenwart hat sich das Verhältnis zu Spiegeln aber merklich entspannt. Desillusionierende Spiegeleffekte haben inzwischen sogar Methode. (jst)

Quelle: Christopher Janssen: «Lieber nackt als im Mantel. Aberglaube am Theater», 2015.

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