Film
Schauspieler Anatole Taubman über die Festtage: «Ich mag die Stille und Einkehr»

Schauspieler Anatole Taubman spielt im Zwingli-Film. Zudem ist er soeben Vater eines Sohnes geworden. Ein weihnächtliches Gespräch über die Liebe und Tricks zur Entschleunigung.

Melissa Müller
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Anatole Taubman.

Anatole Taubman.

Michel Canonica

Grinsend schlendert Anatole Taubman in die Lounge des Kurhotels Oberwaid in St. Gallen. Der prominente Schauspieler trägt Trainerhosen und neongelbe Turnschuhe zu edlem Jackett und Hut.

Es läuft gerade gut für den gefragten Mimen: Als Bösewicht Nummer 2 im James-Bond-Film «Quantum of Solace» wurde er international bekannt. In den USA stand er gerade für «Men in Black» neben Liam Neeson vor der Kamera.

Auch privat erlebt der 48-Jährige bewegende Momente: Am 29. November ist Henri, sein viertes Kind, auf die Welt gekommen. «Ein kleiner König», sagt Taubman, der auch einen britischen Pass besitzt. Er gestikuliert viel, wirkt vergnügt und energiegeladen.

Mögen Sie Weihnachten?

Anatole Taubman: Ich mag die Stille und Einkehr. Sie ist ein Luxus in der hektischen, digitalen Leistungsgesellschaft, von der ich kein Fan bin. Ich
bin romantisch-kitschig veranlagt, liebe es, wenn alles leuchtet und blinkt. Das Blingbling gehört bei Weihnachten einfach dazu.

Wie holen Sie sich Momente der Stille ins Leben?

Ich mache direkt nach dem Aufstehen jeden Tag eine Viertelstunde Yoga, das ist herrlich. I love it! Wenn ich es zu lang mache, wird mir schnell langweilig. Aber es tut gut, sich ein paar Minuten mit seinem Atem zu verbinden, das entschleunigt total (schnippt mit dem Finger). Denn ich habe ein superbeschäftigtes Leben, tanze jeden Tag auf verschiedensten Hochzeiten.

Apropos Hochzeit, Sie haben im September Sara Hildebrand geheiratet. Wie haben Sie die ehemalige TV-Moderatorin kennen gelernt?

Sie heisst jetzt Sara Taubman, übrigens auf ihren Wunsch, was mich sehr freut. Wir begegneten uns vor fünf Jahren an einem Anlass wo sie moderierte und ich auftrat. Da hats Boom gemacht.

Liebe auf den ersten Blick?

Für mich schon, ja. Obschon Liebe, was heisst Liebe, Jesus Christ! Das ist ein so starkes Wort. Ich würde sagen: Attraction und Affection auf den ersten Blick.

Ist Ihnen das Wort Liebe zu bedeutungsschwer?

Man solls nicht so schnell daher
sagen. Die Amerikaner sagen schnell einmal «I love you», darum gelten sie in unseren Breitengraden oft auch als oberflächlich. Es ist völlig utopisch und unrealistisch, dass Liebe so schnell kommt. Sie entwickelt sich mit der Zeit.

Wie verbringen Sie Weihnachten mit Ihren vier Kindern, die in den USA, in Berlin und in der Schweiz leben?

Ganz einfach: Hin und herreisen. Das Reisen ist schon immer Teil von meinem Dasein gewesen. Meine Frau und ich sind auch schon fünf Jahre zusammen, das ist unser daily life. Mit dem Unterschied, dass jetzt auch ein kleiner König dabei ist, Sir Henri.

Sie sind jüdischer Herkunft, woran glauben Sie?

Meine Religion ist Manchester United. Ich bin fanatischer Fussballfan. An was ich glaube? Dass über uns sicher etwas ist; ob man das Schicksal, Jesus, Mohammed, Buddha oder Ganesh nennt, muss jeder für sich selber entscheiden. Aber es wäre arrogant zu denken, dass da nichts ist. Also ich glaube an Schicksal und nicht an Zufall. Und dass man es beeinflussen kann. Ich versuche, als Ehrenmann, Gentleman und Musketier durchs Leben zu gehen.

Sie spielen im neuen Zwingli-Film. Sind historische Stoffe schwieriger?

Kostüm- und Historienfilme sind für mich der Fünfer und das Weggli, weil ich ein grosser Geschichtsfan bin. In der Schule hatte ich sehr gute Geschichtslehrer, die meine Faszination unterstützt und gefördert haben. Da kann man sich wunderbar verkleiden, Zähne und Fingernägel werden eingefärbt. Alles mit dem Ziel, die Rolle so realistisch wie möglich zu bewohnen. Anfang des 16. Jahrhunderts hat die Welt brutal anders ausgesehen, da gab es kein Aspirin und WC-Papier.

«Zwingli» – der Trailer zum Film:

Sie verkörpern im Film den besten Freund des Reformators Zwingli ...

... Leo Jud, er war sozusagen das Gehirn der Schweizer Reformation. Die zwei lernten sich in Basel kennen, wo beide Theologie studierten. Da haben sie sich von Anfang an ineinander verliebt – platonisch natürlich – und hatten neben dem Studium eine Riesenfreude daran, auch miteinander zu musizieren. Es ist toll, dass dieser Leon Jud auch einmal Aufmerksamkeit bekommt.

Wieso?

Zwingli war keine One-Man-Show. Leon Jud war ein leidenschaftlicher Gelehrter. Er wollte, dass das lateinische Wort authentisch auf Züritütsch übersetzt wird. Dafür brannte er. Wie das dann unter die Leute gebracht wurde, war für ihn aber sekundär. Dazu war Zwingli wichtig, der Stratege und Politiker. Leo Jud war sich seiner Stärken und Schwächen bewusst und überliess Zwingli noch so gerne das Rampenlicht.

Gibt es auch in Ihrem Leben einen solchen Mann, einen besten Freund?

Viele meiner besten Freunde sind einiges älter als ich. Das liegt sicher daran, dass ich meinen Vater sehr früh verloren habe – mit zehn Jahren. Was man in der Kindheit nicht hatte, versucht man im Leben zu kompensieren. Das zieht sich durch mein ganzes Leben.

Die Hauptrolle spielt Max Simonischek. Wäre die Rolle des Zwingli nicht auch etwas für Sie gewesen?

Für diese Rolle bin ich mit 48 Jahren zu alt, Max ist 34. Auch er ist ein sehr guter Freund von mir.

Sie spielten in über 100 Filmen mit, meist nur in Nebenrollen – jetzt schon wieder.

Ich habe kein Problem damit. Wichtig ist, dass diese Nebenrollen keine blossen Nummern sind, sondern eigenständige Figuren mit einem emotionalen Bogen. Ein lieber Schauspielerfreund, der leider schon verstorben ist, hat einmal zu mir gesagt: Weisst du, Anatole, die Championsleague der Schauspielerei zu erreichen, ist schwer. Sie zu halten, ist ein Monster. Das bedeutet unglaublich viel Druck. Versuch dich in der Euroleague zu halten, in
der zweitobersten Spielklasse. Da ist weniger Druck, die Luft ist nicht so dünn. Aber die Championsleague braucht dich. Was den Salat essbar und das Dressing kostbar macht, sind die Nebenrollen – die den Hauptrollen erst den Glanz verleihen.