SCHAUSPIEL: Sinnliches Theater in Brecht-Manier

Bertolt Brechts Parabel «Der gute Mensch von Sezuan» wirft den Zuschauer in der Konstanzer Inszenierung von Jo Fabian auf sich selbst zurück.

Brigitte Elsner-Heller
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Geschundene: Die Prostituierte und die drei Götter (Natalie Hünig, Ralf Beckord, Andreas Haase und Alex Strothmann). (Bild: Ilja Mess)

Geschundene: Die Prostituierte und die drei Götter (Natalie Hünig, Ralf Beckord, Andreas Haase und Alex Strothmann). (Bild: Ilja Mess)

Das Spiel ist aus. Nach einer Spanne von zweieinhalb Stunden, die für eine Theateraufführung nicht unüblich ist. Es hat geendet, einfach so. Allerdings mit einer Texteinblendung versehen, die die bisher lesend zu verfolgenden Brecht-Sätze ergänzt durch die kommentierend gemeinte Aufforderung ans Publikum, sich einen Schluss doch ­bitte selbst zu überlegen. Denn der «muss, muss, muss» doch schliesslich gegeben sein.

Ganz im Brecht’schen Sinn macht es einem der Multifunktions-Regisseur Jo Fabian auf der Konstanzer Bühne nicht leicht, indem er sich einer «endgültigen» Interpretation von Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» im Sinne einer lehrstückhaften Inszenierung verweigert.

Die Idee des epischen Theaters

Was Jo Fabian dem vielfach umgearbeiteten Stück mitgibt, das in einer konzentrierteren Fassung von 1943 auf die Bühne kommt, ist seine charakteristische Handschrift, die sich dadurch auszeichnet, dass die verschiedenen Elemente, derer sich Theater bedient, fein aufeinander abgestimmt sind. Schliesslich firmiert Fabian (der vor Jahren mit seiner Inszenierung von «Der Drache» in Konstanz für Furore sorgte) als «Autor, Regisseur, Choreograf, Bühnen- und Kostümbildner, Lichtdesigner, Komponist, Videokünstler, Theaterproduzent, Zeichner und Programmierer», wie das Theater betont. Na dann.

Das Projekt startet in guter Brecht-Manier mit einer Erinnerung an die Idee des epischen Theaters: Der spätere Wasserverkäufer Wang (Thomas Fritz Jung) weist das Publikum darauf hin, dass hier Theater gespielt werde und es als Empfänger der kommunikativen Reize das Stück in seinen Bedeutungen jeweils individuell mit entwerfe und Teil der Aufführung sei. Soweit das Zugeständnis an die Theatertheorie.

Es folgt, tatsächlich: sinnliches Theater. Jo Fabian hat Bühne und Kostüme klar und kontrastreich angelegt, wobei er sich diverser Stereotypen bedient, auf die Europäer mit Blick auf «Asiatisches» gern verfallen: Schwarze Gewänder, Bambusstangen als Architektur, Klangschalen-Trans­zendenz neben Reminiszenzen an traditionelle Stockkämpfe. Ein wenig «Transzendenz» schon zu Beginn mit Brecht, indem drei Götter auf die Erde kommen, um zu sehen, ob der Zustand der Welt es noch zulässt, dass der Mensch gut sei. Die selbst Geschundenen, die blutige Verbände tragen, treffen auf die Prostituierte Shen Te (Natalie Hünig), die sich ein gutes Herz bewahrt hat. Die Götter erweisen sich als Spender, indem sie es ihr finanziell ermöglichen, einen Tabakladen zu erstehen. Ihre Grossmut gegenüber anderen Bedürftigen kommt sie indes teuer zu stehen.

Während das Ensemble präzise wie eine gut geölte Maschine arbeitet, treten der Barbier Shu Fu (Arlen Konietz) und der stellungslose Flieger Yang Sun (Sebastian Haase) an die Seite der gutherzigen Shen Te, die indes immer seltener auftaucht.

Düstere Ästhetik, bedrohliche Trommeln

Während der Barbier in seinen ehrenwerten Absichten bei ihr nicht punkten kann, liefert sie sich Sun aus, der auch nur auf das Geld erpicht ist. Das Kind, das Shen Te von Sun bekommt, verbleibt schliesslich ebenso verschollen wie der «gute Mensch von Sezuan» selbst.

Die Bilder in ihrer düsteren Ästhetik bleiben in Erinnerung; Geräusche wie das bedrohliche Trommeln der «Masse»; aber auch die Brüche, die das Epische Theater vorsieht, und die hier als heiter-ironische Kommentare eingesetzt werden. Und natürlich die Irritation darüber, keine konkrete Anleitung erhalten zu haben, was nun zu denken sei. Das ist nicht angenehm, aber gut so.

Brigitte Elsner-Heller

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Weitere Aufführungen bis Mai. theaterkonstanz.de