SCHAUSPIEL: Manege frei für Leichtsinnskünstler

In der Bühnenfassung von Theodor Fontanes «Effi Briest» am Vorarlberger Landestheater Bregenz schnuppern die Figuren Zirkusluft – und taumeln zwischen guter Dressur und Trapez.

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Nadine Rosemann als Effi Briest vor Zirkuskulisse. (Bild: Anja Köhler)

Nadine Rosemann als Effi Briest vor Zirkuskulisse. (Bild: Anja Köhler)

Kopf in den Wolken, die Füsse in der Luft, darunter Sägespäne: So schaukelt Theodor Fontanes Romanheldin Effi Briest in Ronny Jakubaschks Dramatisierung am Vorarlberger Landestheater Bregenz ihrem Schicksal entgegen. Die Schaukel hängt nicht im Garten des märkischen Elternhauses Hohencremmen. Vielmehr lässt sie den Backfisch Effi, fünf Minuten später schon mit dem einstigen Schwarm der eigenen Mutter verlobt, als Zirkusartistin erscheinen – streng dressiert, aber auch waghalsig und leichtsinnig. Effis Welt, die gesellschaftlichen Konventionen Ende des 19. Jahrhunderts als Manege, später als Gruselkabinett: diese Bühnenmetapher öffnet, bei aller räumlicher Begrenzung, das im Roman notorisch zitierte «weite Feld» für die Inszenierung.

Enggeschnürte Mieder, kleinkarierte Sitten

Etwas aufdringlicher und plakativer sind Anna Sörensen die Kostüme geraten: karierte Anzüge und Röcke, enggeschnürte Mieder, auftoupierte, hochgesteckte Haare: diesem Diktat der Schicklichkeit wird sich irgendwann auch das unbefangene Naturkind Effi beugen. Dass sie bis dahin eine fantasiebegabte Traumtänzerin gewesen ist, hätte man freilich auch ohne die Rückwand im Stil des Surrealisten Magritte gemerkt. Aber natürlich sieht es schön aus und bringt zudem etwas Kunstsinn in die Ödnis Hinterpommerns, in die es Effi mit ihrem lieblos steifen Gatten Instetten verschlägt. Der Rest bleibt Andeutung, denn die knapp dreistündige Bühnenfassung konzentriert den Roman auf ein Kammerspiel – dies jedoch überzeugend und eindringlich.

Neben der Frage, wie viel persönliche Freiheit sich jeder einzelne (beileibe nicht nur Effi) im Korsett sozialer Rollen und Erwartungen herausnehmen darf, beackert Ronny Jakubaschks Inszenierung ein weiteres Feld der Vorlage recht ausgiebig: das Unheimliche, Verdrängte. Lange bevor in den Wolken über dem Manegenvorhang in Leuchtschrift die «Creep Show» eröffnet wird, hat der Geist des Chinesen schon seinen ersten Auftritt; Luzian Hirzel als liebenswürdig stotternder Hausfreund Alonzo Gieshübler gibt eine markerschütternde Schauerballade zum Besten. Überhaupt sind es die Schauspieler, die den verhältnismässig langen Abend tragen. Zwar bleibt die tieftraurige Geschichte über verfehlte Lebensträume in Fontanes Zeit stecken – das aber ändert nichts daran, dass Nadine Rosemann Effi mit zeitloser Frische und Neugier aufs Leben erfüllt. Dass einer wie Instetten (Christian Heller) zu gefangen in den eigenen Ambitionen ist, um sie glücklich zu machen, steht ausser Frage; auch Frauentrost Crampas (Tilman Rose) ist kein Glücksbringer, eher ein Würstchen. Immerhin nicht kleinkariert.

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Hinweis

Weitere Vorstellungen bis Ende Juni, jeweils 19.30 Uhr