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SCHAUSPIEL: Eine Powerfrau gegen den Rest der Welt

Das Vorarlberger Landestheater zeigt Ibsens einstiges Skandalstück «Ein Volksfeind» als zeitgeistige Polit- und Ökofarce – mit der grossartig vielschichtigen, energiegeladenen Christine Urspruch in der Titelrolle.
Nicht gerade Freudenhopser: Christine Urspruch alias Doktor Katrine Stockmann baut auf der Matratze Restenergie ab. (Bild: Anja Köhler)

Nicht gerade Freudenhopser: Christine Urspruch alias Doktor Katrine Stockmann baut auf der Matratze Restenergie ab. (Bild: Anja Köhler)

Der Kampf gegen Windmühlen kann diesem Kraftpaket nichts anhaben – so suggeriert das stumme, vieldeutige Schlussbild nach gut zweieinhalb Stunden. Von aller Welt, Mann, Töchtern, dem Bruder und Erzfeind sowie den braven Bürgern des Kurortes verlassen, wird Doktor Stockmann noch einmal richtig stark. So stark, dass die Restenergie ein Ventil braucht. Also weg mit den roten hochhackigen Stiefelchen, barfuss aufs Bett, und machen, was man den Kindern strengstens verbieten würde: Trampolinsprünge, aus Wut, vielleicht aus Ratlosigkeit oder einfach nur, weil es müde macht und schwindlig im Kopf.

Der Doktor heisst hier nicht Tomas, sondern Katrine Stockmann: So fortschrittlich dachte noch nicht einmal Henrik Ibsen, der seiner Zeit durchaus ein paar Jahrzehnte voraus war. Warum auch sollte nicht eine Frau Badeärztin sein, eine Powerfrau mit häuslichem Gatten, wahrheitsliebend bis zur Verbohrtheit? All diese Facetten jedenfalls stecken in jener Frau, mit der Regisseur Matthias Rippert die Titelrolle von Ibsens «Der Volksfeind» am Vorarlberger Landestheater in Bregenz besetzt hat.

Äusserst flatterhaft: die «kompakte Mehrheit»

Christine Urspruch, einem breiten Kino- und Fernsehpublikum bekannt als Sams sowie als Alberich, kleinwüchsige Assistentin des Pathologieprofessors Börne im Münsteraner «Tatort», gibt sich als Frohnatur und Menschenfreundin. Doch irgendwas ist immer faul daran. Was wohl damit zu tun hat, dass alles um sie herum verseucht ist, toxisch. Die Heilquelle, ihre Familie, die kleine Stadt und ihr Gemeinwesen.

Die Stimmungen und Meinungen der vielbeschworenen «kompakten Mehrheit» kippen hier jeweils schneller, als die Zeitung gedruckt wird. Kein Wunder arbeitet die Redaktion um den grauen Wendehals Hovstad (Thomas Schmidt) in einem mobilen Container – wenn in dem papiernen Durcheinander dieses Kabuffs überhaupt von Arbeit die Rede sein kann. Umso aufgeräumter ist der Rest der Bühne. Schon einmal hat Selina Traun in einer Produktion des Landestheaters die Figuren in Boxen von wenigen Quadratmetern gequetscht: in Ionescos «Die kahle Sängerin».

Ibsens «Volksfeind» geht in dieser Hinsicht noch ein bisschen weiter. Ganze Szenen spielen sich hinter verschlossenen Panzertüren ab – zu Hause bei Stockmanns oder im Büro des Bürgermeisters, wo Lukas Spisser sich die Zeit mit Mandarinen essen vertreibt. Immerhin sitzt er an den Schalthebeln der Macht, mag der Bewegungsspielraum auch nicht einmal fürs Handgelenk ausreichen. Umso grösser die Gesichter, von einer Videokamera aufgezeichnet, als handle es sich bei Ibsens Drama um Trash-TV. Ein klarer Fall: Keiner soll denken, das alles hätte nichts mit uns zu tun, mit Umweltsünden, Vertuschungen, mit Fake-News und gesellschaftlichen Machtspielen.

Wahrheitssuche mit dem Kolossalbohrer

Sicherheitshalber bewegt sich die Regie auf dem Feld der Farce, der Überzeichnung bis zur Karikatur, mit Seitensprüngen ins Absurde. Dass sich Katrines Eifer hier leerläuft, betont die Ausstattung mit ein paar Megasymbolen zu viel, von den allergenen Erdnüssen über die deformierten Körper bis hin zum Riesenbohrer, der sich im letzten Akt mit nervtötendem Quietschen dem Ende entgegen arbeitet. Als ob da unter der Bühne die Wahrheit zu finden wäre.

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Die nächsten Aufführungen: 9.2., 11.2., 1.3., 14.3., 17.3., jeweils 19.30 Uhr, Vorarlberger Landestheater, Bregenz

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