SCHAUSPIEL: Ein Chor von Knechten

Sebastian Baumgarten weiss nicht recht, was er in seiner Inszenierung am Schauspielhaus Zürich mit Bertolt Brechts «Puntila und sein Knecht Matti» anfangen soll.

Valeria Heintges
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Robert Hunger-Bühler als Puntila, verpackt unter viel Schaumstoff und Fusselhaar. (Bild: Tanja Dorendorf/PD)

Robert Hunger-Bühler als Puntila, verpackt unter viel Schaumstoff und Fusselhaar. (Bild: Tanja Dorendorf/PD)

Valeria Heintges

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@tagblatt.ch

Zum Abschluss des Filmintros geht es in «Die Bar», kleiner Ort und Weltbühne zugleich. Ein Wagen im Birkenwald, ein Gast, ein Wirt. Der Wirt hängt wie eine Puppe überm Tresen. Der Gast ist sternhagelvoll. Und fett. Kaum erkennt man Robert Hunger-Bühler unter Schaumstofffettpolster und Fusselhaarperücke. Er ist Puntila, der doppelgesichtige Gutsherr aus Bertolt Brechts «Herr Puntila und sein Knecht Matti». Der nur im Suff erträglich ist und nüchtern zum kapitalistischen Ausbeuter wird, der seine Tochter Eva verheiratet, um Schulden tilgen zu können, Menschen vom Hof jagt, deren Arbeit er nicht zahlt. Und besoffen sich reuig gibt und Besserung schwört.

Chauffeur Matti sitzt in der Zürcher Fassung von Sebastian Baumgarten im Pfauen in einem Holzgerüst von Auto, das nur über quadratische Räder verfügt. Es fährt nicht, aber es wird getragen. Dabei wird der Richter über den Haufen gerannt; mit einem «Ich fühle mich gerädert» setzt er sich auf. Kalauer liebt Baumgarten sehr. Ständig wird gestottert und vermeintlich versprochen. Dazu passt Thilo Reuthers Klischee-Abziehbild-Finnland mit Birkenstämmen, bunten Häuschen und Sauna. Und Christina Schmitts Kostüme, schräg, verspielt. Puntilas Tochter trägt ein Kleidchen aus gelben Bällen, in die eine Handvoll braune Bälle ein Depri-Emoji malen.

All die Ideen sind nur Beigemüse

Das wäre ja alles noch ganz lustig – würde es in ein Konzept passen. Aber Slapstick, Kalauer, Videoeinspielungen, Dauermusik und all die Ideen sind Beigemüse – zu nichts. Sicher, Brechts Werk hat heute seine Tücken: Kein Grossgrundbesitzer mehr weit und breit, kein Diener, der achtmal in der Woche Hering essen muss. Also streichen Baumgarten und seine Dramaturgin Gwendolyne Melchinger den Text bis zur Unkenntlichkeit, schicken die Handlung im Zeitraffer über die Bühne, bis alles wirkt, als hätte jemand ADHS im Akutstadium. Dazu werden die Mattis verdoppelt im Chor gesprochen, denn sind wir nicht alle ein wenig Knecht?

Die Theaterszenen stehen allein

Kommunistische Verschwörer inklusive russischem Einflüsterer werden erfunden, die von Selbstausbeutung und von «Ich verwirkliche mich zu Tode» reden. Das hätte ein Thema sein können, stünden die Szenen nicht allein wie eine Eiche im finnischen Birkenwald.

Die Schauspieler staksen durch die Inszenierung, als hätten sie in Lahti die falsche Abfahrt erwischt. Robert Hunger-Bühler lüpft sich ständig seinen Bauch zurecht, als wäre er nicht besoffen, sondern würde an einem Tick leiden. Ansonsten spricht er viel und laut, wie fast alle anderen auch. Als er aus der Sauna kommt, hat er seinen Bauch verloren – sein Spiel aber verändert er nicht. Später ist er wieder besoffen, ohne Schaumstoffbauch. Und warum das jetzt, bitte?

Johann Jürgens spielt den amputierten Matti recht stoisch. Den eigenen Kopf, den Reiz der Figur, haben Regisseur und Dramaturgin in den Orkus geschickt, samt Abgang vom Hof. Carolin Conrad spielt eine kesse Eva, aber das passt nicht, wenn die sich später bemüht, das brave Hausmuttchen zu werden.

Am Ende tritt ein Riesentrio Angry Birds auf, die nicht wie im gleichnamigen Computerspiel auf Schweine geschossen werden müssen, aber auch so tierisch doof aussehen. Was sie sollen? Das ist völlig egal. Hauptsache Ende.