Schauderhaft schön

Der Schriftsteller Adolf Muschg hört BWV 51 – und lauscht in die Leere der Kantate ohne Bachs tiefen Glauben.

Bettina Kugler
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«Eine Frivolität» erlaubt sich Adolf Muschg in seiner Reflexion, niedergeschrieben, bevor er in Trogen angekommen und die Werkeinführung zur Kantate BWV 51 «Jauchzet Gott in allen Landen» gehört hat. Es sei doch, mit Verlaub, ein «recht hölzerner Text», den wir ohne Bachs Musik heutzutage getrost vergessen könnten. Der Textdichter der überaus beliebten Kantate für Sopran, Tromba, Streicher und Generalbass ist unbekannt; der vielfach ausgezeichnete, schöngeistige Schriftsteller kann die ungelenke Sprache nicht übersehen. Doch was schwerer wiegt, ist die Erkenntnis, wie fremd uns Haltung, Selbst- und Weltverständnis des Textes geworden sind.

Eine Tatsache, über die wir für gewöhnlich hinweghören, so Muschg: Man sitze nicht in der Kirche, sondern im Konzert, mit höchsten Ansprüchen an Werk und Ausführende. Was Bach, dem biederen Bürger und Auftragskomponisten, noch selbstverständlich Dienst und Gottesdienst war, Woche für Woche, ist heute ästhetisches Vergnügen. Auch «absolut» gehört, berührt, begeistert Bachs Musik. Obwohl sein Leben «keineswegs ein Künstlernarrativ hergebe», so brav, bieder, ohne Zerrissenheit. Was 1730 vor dieser Kantate gepredigt wurde, ist ebenfalls nicht zeitgemäss in einer Welt, die den Markt zum Gott erhoben hat.

Sopran und Trompete jauchzen locker

Ästhetisches Vergnügen, virtuose Meisterschaft: Tatsächlich sind sie in der guten Viertelstunde vor Muschgs Reflexion in der evangelischen Kirche Trogen nicht zu kurz gekommen. In sportlichem Tempo ist das Loblied der ersten Arie, mit der die Kantate fanfarenartig losstürmt, ein wonniger Wettlauf zwischen Sopran und Solotrompete – in der Absicht freilich, sich gegenseitig zu befeuern, zu noch mehr Effort anzuspornen. Rudolf Lutz geht mit gewohnter Lockerheit an die Grenze des Machbaren, ohne dass dies den Solisten anzumerken wäre.

Das Jauchzen und seine Bewegungsenergie sind wichtiger als klangliche Brillanz – während im darauffolgenden Rezitativ und der Arie «Höchster, mache deine Güte» der strahlende, dabei so wohlig runde Sopran von Sibylla Rubens schön zum Blühen kommt. Nervenstärke bewies Patrick Henrichs, der für den erkrankten Guy Ferber kurzfristig den Tromba-Part übernommen hatte. Das Schöne als Beginn des Schauderhaften: mit diesem Blick auf die erste von Rilkes «Duineser Elegien» lauschte Adolf Muschg in die Leere, die uns nach dem Verlust des Kinderglaubens neu verbinden und tröstlich in Schwingung versetzen kann.