Schatzsuche im Sammelsurium des Lebens

Es passierte am Sonntag, in andächtiger Stille in der Kathedrale. Antonia, schon seit geraumer Zeit aufbruchwillig und etwas zappelig, hatte mir gerade den Engel Susi vorn am Hochaltar gezeigt (nein, der Name ist nicht offiziell); jetzt brauchte die Entdeckungslust neuen Stoff.

Bettina Kugler
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Für Bettina Kugler (Bild: Bettina Kugler)

Für Bettina Kugler (Bild: Bettina Kugler)

Es passierte am Sonntag, in andächtiger Stille in der Kathedrale. Antonia, schon seit geraumer Zeit aufbruchwillig und etwas zappelig, hatte mir gerade den Engel Susi vorn am Hochaltar gezeigt (nein, der Name ist nicht offiziell); jetzt brauchte die Entdeckungslust neuen Stoff. Beiläufig steckte sie die rechte Hand in meine Manteltasche – und zog ein leicht lädiertes Schoggiei hervor.

Man sah ihm an, dass Ostern nicht gerade gestern war; fehlte nur noch, dass das Kind, ohnehin hungrig, es auf der Stelle als Vorspeise verzehrte. War es nicht Proviant für schlechte Zeiten? Es hätte auch ein Theaterbillett sein können, ein alter Einkaufszettel, Spielgeld aus eigener Herstellung, Vorstudien zu einem Feenkopf (aus dem Altpapier gerettet), ein eilig ausgeschnittenes und wacklig beschriftetes Türschild: «Bite anklofen. Binbescheftigt.»

Ich gebe zu: Solche Nebenprodukte des Alltags werfe ich ungern weg – weil ich aber in dem Moment, in dem es sein müsste, nicht weiss, wohin damit, sind Hosentaschen, Bücher, ein Sichtmäppchen auf dem Schreibtisch willkommene erste Zwischenlager. Oft warten die Schätze aus dem Sammelsurium des Lebens lange darauf, bis eine Sachensucherin gerade Langeweile hat. Dann kommt ihr grosser Auftritt: Aus staubtrockenen Eichelhülsen vom Waldtag wird mit einem zufällig ebenfalls im Rucksack gefundenen Paketbandrest eine aparte Kette. Ein kleiner, glatter Stein erinnert an Zeiten, als man alle zwei Schritte stehenbleiben und besonders schöne Exemplare aufheben musste. Oder ein altes Schoggiei weckt im November die Vorfreude auf den Frühling.