Schatten der Vergangenheit

Dass in den USA gerade eine intensive Debatte über Sklaverei geführt wird, liegt nicht nur am 150-Jahr-Jubiläum der Sklavenbefreiung. Steven Spielberg und Quentin Tarantino haben die Debatte angefacht. Bald feiern ihre Filme «Lincoln» und «Django Unchained» auch hierzulande Premiere.

Sebastian Moll/New York
Drucken
Teilen
«Django Unchained» mit Leonardo DiCaprio, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson und Jamie Foxx (v. l.). (Bild: pd/Sony Pictures)

«Django Unchained» mit Leonardo DiCaprio, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson und Jamie Foxx (v. l.). (Bild: pd/Sony Pictures)

Die USA erleben aktuell eine emotionale Debatte über die eigene Vergangenheit. Das liegt daran, dass Amerika gerade den 150. Jahrestag der Sklavenbefreiung feierte. Es liegt aber auch an zwei Filmen, die genau zur Wiederwahl des ersten schwarzen Präsidenten in den US-Kinos anliefen. Da ist einmal das Geschichtsdrama «Lincoln» von Steven Spielberg, das sich auf die Wochen zum Ende des Bürgerkriegs und den Kampf um die Verabschiedung der Emanzipationsproklamation konzentriert. Und da ist «Django Unchained», das neue Werk von Quentin Tarantino, das die Phantasie des Ex-Sklaven als Rächer in drei Stunden opulenter Bilder und jenen Gewaltorgien umsetzt, die man von Tarantino kennt.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Hollywood sich mit der Sklaverei auseinandersetzt. Die Toni-Morrison-Verfilmung «Beloved» (1997) fällt einem dazu ein, ebenso der Spielberg-Film «Amistad» (1998) über die Revolte auf einem Sklavenschiff. Doch die beiden kommerziell mässig erfolgreichen Filme lösten keine breite Diskussion aus. Anders verhält es sich mit «Lincoln» und «Django». Die haben zwischen dem Erntedankfest und Neujahr die Kinos gefüllt und die Gemüter erhitzt.

Obama ist Auslöser

Dass dies mit Barack Obama zu tun hat, liegt auf der Hand. Sein zweiter Wahlsieg wurde von vielen Seiten als Anbruch eines neuen Amerika gedeutet, eines Amerika, in dem es keine Mehrheit und keine Minderheit mehr gibt, sondern nur ein multi-ethnisches Miteinander. Ob die sozialen Realitäten das überall im Land widerspiegeln, muss man freilich anzweifeln. Aber immerhin scheint das Bewusstsein eines solchen Wandels eine gewisse Entkrampfung im Diskurs über Rassen bewirkt zu haben.

Nicht, dass nicht gestritten würde. So werfen konservative Kritiker Spielberg vor, er zeichne Lincoln in allzu rosigem Licht. Mit der Aufgeklärtheit des Präsidenten, den sich Obama mehr als einmal explizit zum Vorbild genommen hat, sei es nicht so weit her gewesen, wie der liberale Filmemacher das gerne hätte. Im Gegenteil – bei der Sklavenbefreiung sei es dem zutiefst rassistischen Lincoln mehr als mulmig gewesen. Von echter Gleichberechtigung wollte er seiner humanistischen Überzeugung zum Trotz nichts wissen.

Beispiellose Grausamkeit

Von afroamerikanischen Kritikern wird «Lincoln» vorgeworfen, dass er klassischen Erzählmustern folge, wenn es um die Darstellung von Rassendiskriminierung gehe. Die Schwarzen seien passive Beobachter, die auf die Wohltätigkeit der weissen Fürsprecher angewiesen seien. Zudem sei der Kampf um die Emanzipation der Afroamerikaner ein blutleerer Vorgang in Hinterzimmern von Washington.

Das kann man von «Django» nicht behaupten. Der Film zeigt die Grausamkeiten der Sklaverei in einer Deutlichkeit, wie man das auf der Kinoleinwand noch nicht erlebt hat. Selbst King Schultz, einem skrupellosen deutschen Kopfgeldjäger (brillant gespielt von Christoph Waltz), wird es unerträglich, den Sadismus des Plantagenbesitzers (Leonardo Dicaprio) mit anzusehen. Als dieser einen Sklaven von Hunden zerfetzen lässt, wird ihm grün um den Mund, während Django (Jamie Foxx) keine Miene verzieht. «Er ist noch nicht so an Amerikaner gewöhnt», entschuldigt sich Django vielsagend.

Spike Lee kritisiert Tarantino

Dass er die Sklaverei beschönigt, lässt sich Tarantino nicht nachsagen. Stattdessen musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit ans Thema heranzugehen. «Die Sklaverei war kein Spaghetti-Western», schrieb Regisseur Spike Lee auf Twitter. «Es war ein Holocaust. Meine Vorfahren waren Sklaven, die man aus Afrika gestohlen hat. Ich werde sie ehren.» Lees Vorwurf an Tarantino ist, dass er eben Tarantino ist. «Django Unchained» ist ein Meta-Film, ein Spiel mit den Gepflogenheiten gleich eines halben Dutzend Genres – angefangen vom angeführten Spaghetti-Western über Filme der 70er-Jahre, die ihn seit Jackie Brown beschäftigen, bis hin zum klassischen Hollywood-Western. Für Spike Lee und andere Kommentatoren ist diese Verspieltheit, mit der Tarantino bereits das Dritte Reich bedacht hatte, kein angemessener Umgang mit einem ernsten historischen Thema.

Was es bei der ganzen Diskussion nicht gab, waren indes Stimmen, welche die Greuel der Sklaverei verharmlosen wollten. Es geht nur um die angemessene Art der Historisierung. In den USA ist sie nach 150 Jahren aus der Akademie heraus in die breite Öffentlichkeit gedrungen.

«Django Unchained» startet am 17. Januar, «Lincoln» am 24. Januar in den Schweizer Kinos.

«Lincoln» von Spielberg: Lincoln werde als aufgeklärter dargestellt, als er wirklich war, wird kritisiert. (Bild: pd)

«Lincoln» von Spielberg: Lincoln werde als aufgeklärter dargestellt, als er wirklich war, wird kritisiert. (Bild: pd)

Aktuelle Nachrichten