Scharfzüngig, abgründig und humorvoll

Mit «Giacometti hinkt» präsentiert Isolde Schaad eine kritische Bestandesaufnahme der inzwischen älter gewordenen 68er-Generation und eine Satire auf den Kunstbetrieb

Charles Linsmayer
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Die Schaffhauserin Isolde Schaad. (Bild: Giorgia Müller)

Die Schaffhauserin Isolde Schaad. (Bild: Giorgia Müller)

«Wenn das Gelingen am Können läge, hätte ich keine Angst für Sie», soll Adolf Muschg zu Isolde Schaad gesagt haben. Ein Befund, den das Œuvre der 1944 in Schaffhausen geborenen Autorin längst glanzvoll bestätigt, bestechen doch nicht nur die zwei Romane «Keiner wars» und «Robinson und Julia», sondern auch die sechs Text- und Erzählsammlungen der ambitionierten Journalistin abgesehen von der Verve des thematischen Zugriffs konsequent mit ihrer sprachlichen Brillanz, ja Virtuosität.

Was sie auch schreibt: Isolde Schaad blickt kritisch, skeptisch, manchmal auch enttäuscht, immer leicht ironisch, aber nie hämisch-gallig auf die Gesellschaft und ihre intellektuellen Entwicklungen. Seit ihrem ersten Buch im Jahr 1984 war sie immer auch eine präzise Beobachterin und Kommentatorin jenes Umfelds, dem auch sie zugehört: der Exponenten der sogenannten 68er-Generation, die sich eine freiere und emanzipiertere Schweiz erträumten.

Von Asylpolitik, Sex und Nahrungsfragen

Das gilt auch für ihr jüngstes Buch, «Giacometti hinkt», das gleich schon mit der ersten Geschichte, «Losgeworden. Los geworden», anhand eines älteren Ehepaars eine Auslegeordnung dessen präsentiert, was von der damaligen Aufbruchstimmung noch geblieben ist. Helen und Uwe sind nicht verheiratet, er ist Deutscher, sie Schweizerin.

Obwohl sie den Parteien misstraut, ist sie Nationalrätin geworden, und nun weiss sie nicht, wie sie Uwe klarmachen soll, dass sie mit dem Roten Kreuz nach Syrien gehen will. Von der Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg bis zur heutigen Asylpolitik, von Sex und familiärer Arbeitsteilung bis zu Energie- und Nahrungsfragen kommen brisante Themen aufs Tapet. Eine der witzigsten Erzählungen handelt davon, was eine Frau in den besten Jahren mit einem Rollator für Konfusionen auslöst, zwei Texte nehmen sich auf ironische Weise des Themas Tod und Sterben an, während die 84-seitige Titelgeschichte «Giacometti hinkt» eine fast schon kriminalistisch ausgetüftelte Satire auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb ist. Um seiner Mutter eine Freude zu machen, wählt der verzärtelte Kunsthistoriker Luis Krattiger Alberto Giacometti zum Thema seiner Masterarbeit, stösst aber mit seiner unkonventionellen Vorgehensweise – er geht etwa in Skischuhen durch die Zürcher Giacometti-Sammlung, um «nachzuempfinden, wie sich Albertos Personal auf Klumpfüssen erfuhr» – auf den Widerstand seines Professors und publiziert die Arbeit ausserhalb der Uni. Krattiger erlebt merkwürdige Begegnungen mit einem Wiedergänger des Künstlers, der genauso hinkt wie dieser, tritt in Kontakt mit einer kuriosen Verwandten Giacomettis und leitet von der Entdeckung eines in vier Exemplaren existierenden Mädchenkopfs die These ab, dass sämtliche Giacometti-Statuen im Kunsthaus Zürich Fälschungen seien, ja dass es im Bereich der Kunst überhaupt keine Authentizität mehr gebe.

Man verfolgt nicht nur die Recherchen des akademischen Frechdachses Krattiger mit maliziösem Vergnügen, sondern wird in Zukunft auch die Giacometti-Figuren des Kunsthauses Zürich mit andern Augen betrachten.

Hinweis

Isolde Schaad: Giacometti hinkt. Limmat Verlag, Zürich 2019, 288 Seiten, Fr. 34.-