Scham und Schläge

«Tatort»

Julia Stephan
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«Jeder hat mal einen schwarzen Tag. Aber Sie hatten ein paar zu viel davon.» Mit diesem Satz entlässt ihr Chef die sonst so souverän ermittelnde ­Charlotte Lindholm aus dem Entführungsfall um eine Bankdirektorinnengattin.

Lindholm hat’s verbockt. Sie macht Ermittlungsfehler, fällt emotionale Entscheide gegen die Vernunft. Sie produziert PR-Katastrophen und menschliche Tragödien – den von ihr als Hauptverdächtigen erkorenen Ehemann der Entführten, der Filialleiter einer Bank, drängt sie in seiner Zelle derart in die Enge, bis dieser erhängt von der Decke baumelt.

Die Filmkamera dreht sich dabei pausenlos in einem dichten Wald aus schlanken Baumstämmen und hohen Kronen wie ein nie endender Albtraum. Dort lebte der Banker mit seiner Frau. Der Wald wird zum Gefängnis – für alle.

Der auf einem wahren Fall beruhenden Regiearbeit von Anne Zohra Berrached geht es in erster Linie um das Gefühl der Scham. Was keiner weiss: Lindholm wurde beim Pinkeln auf einem Parkplatz von angetrunkenen Männern fotografiert und zusammengeschlagen. Doch Lindholm setzt keinen #MeToo-Tweet ins Internet ab. Die Scham bleibt in ihr drin und stört ihr sonst so gutes Ermittlungssensorium. Und so kommt’s, dass sich ihre Aggression auf den durch häusliche Gewalt ebenfalls schambehafteten Hauptverdächtigen richtet. So viel Mitgefühl wie in diesem packenden Melodram brachte man der Lindholm schon lange nicht mehr entgegen.

Julia Stephan

Hinweis Tatort aus Hannover – «Der Fall Holdt». Heute So, 5.11., SRF1.