«Ghost in the Shell»
Scarlett Johanssons Wandel zur High-Tech-Amazone

Im Kinofilm «Ghost in the Shell» spielt Scarlett Johansson eine Ikone der japanischen Manga-Kultur. Was als rassistisch kritisiert wird, ist vor allem logisch: Johansson hat sich in Hollywood als Actionstar neu erfunden – mit grossem Erfolg

Lory Roebuck
Merken
Drucken
Teilen
«Ghost in the Shell»

«Ghost in the Shell»

Paramount Pictures

Der Aufschrei war gross. Dass mit Scarlett Johansson eine weisse Amerikanerin in der Hauptrolle des Science-Fiction-Films «Ghost in the Shell» gecastet wurde, sei rassistisch. Zahlreiche Petitionen im Internet forderten eine Neubesetzung der Rolle mit einer asiatischen Darstellerin.

Denn: «Ghost in the Shell» ist ein Werk, das in Japan verehrt wird. Das ursprüngliche Comic (japanisch: Manga) von 1989 und die erste Animeverfilmung 1995 gelten dort als Meilensteine der Popkultur, sie haben Hollywoodfilme wie «The Matrix» inspiriert. Die Hauptfigur Major Motoko Kusanagi – teils Roboter, teils Mensch – ist eine japanische Ikone.

Die Petitionen hatten nie eine Chance. Das Hollywoodstudio Paramount Pictures brauchte für seine teure Realverfilmung einen profitablen Star. Und niemand ist so profitabel wie Scarlett Johansson: All ihre Filme zusammen haben 3,3 Milliarden Dollar eingespielt – mehr haben bloss neun andere Schauspieler geschafft, alles Männer.

Sogar Mamoru Oshii, der Regisseur des Animefilms, verteidigt Johanssons Besetzung: «Es gibt keinen Grund, warum diese Figur von einer Asiatin gespielt werden müsste», sagte er kürzlich in einem Interview. «Sie ist ein Cyborg, ihre physische Form ist künstlich.»

Ein Cyborg ohne Rasse

Die Eröffnungssequenz im neuen Kinofilm macht das klar: Wir sehen, wie ein menschliches Gehirn in einen mechanischen Körper eingepflanzt wird, der in einer milchigen Flüssigkeit badet.

Wie schon in der Originalversion gilt auch hier: Die Schale mag artifiziell sein, aber in ihrem Inneren schlummert eine Seele, ein Geist, der menschlich ist – und der keine Rasse kennt.

Scarlett Johansson als Major in «Ghost in the Shell» Das Original gilt in Japan als Meilenstein. Dass statt einer asiatischen Darstellerin Hollywoodstar Scarlett Johansson die Hauptrolle im «Ghost in the Shell»-Kinofilm spielt, empfanden viele als rassistisch. 

Scarlett Johansson als Major in «Ghost in the Shell» Das Original gilt in Japan als Meilenstein. Dass statt einer asiatischen Darstellerin Hollywoodstar Scarlett Johansson die Hauptrolle im «Ghost in the Shell»-Kinofilm spielt, empfanden viele als rassistisch. 

Paramount Pictures

Leider interessiert sich Rupert Sanders, der britische Regisseur der Neuverfilmung, viel stärker für das futuristische Setting und die Hightech-Schiessereien als für den philosophischen Unterbau des Mangas, das faszinierende Fragen über die Menschlichkeit im digitalen Zeitalter gestellt hatte.

Man ist darum versucht zu sagen: Ohne Scarlett Johansson wäre dieser Film für die Katz.

Die 32-jährige New Yorkerin belegt mit «Ghost in the Shell» ihren erstaunlichen Wandel zu einer waschechten Action-Ikone.

Zu Beginn ihrer Karriere war Johansson wegen ihrer sinnlich-rauchigen Stimme und ihren äusserlichen Reizen vor allem in Kostümfilmen («The Girl with the Pearl Earring», 2003), Liebeskomödien («The Nanny Diaries», 2006) und als Muse von Woody Allen gefragt.

In «Match Point» (2005) von Woody Allen Muse: Scarlett Johansson spielte in drei Filmen von Kultregisseur Woody Allen (rechts) mit.

In «Match Point» (2005) von Woody Allen Muse: Scarlett Johansson spielte in drei Filmen von Kultregisseur Woody Allen (rechts) mit.

Filmcoopi

Heute dagegen trumpft sie vor allem mit ihrer Intensität und ihrer unbändigen Energie auf. «Sie hat eine fantastische Körperbeherrschung und ist physisch voll auf der Höhe», schwärmt ihr «Ghost in the Shell»-Co-Star Lasarus Ratuere.

«Ich bin zwar kein Adrenalinjunkie, aber ich mag Actionszenen», sagte Scarlett Johansson, nachdem sie 2012 für ihre Rolle als knallharte Black Widow in «The Avengers» erstmals Kampfszenen trainieren musste.

Die Darstellerin hat diese Rolle bereits in fünf der enorm erfolgreichen Superheldenfilmen von Marvel Studios gespielt und dreht derzeit ihren sechsten Auftritt im Ensemble um Iron Man, Captain America und Co.

Als Black Widow in «The Avengers» (2012) Für den Superheldenfilm durchlief Scarlett Johansson monatelanges Kampftraining. Die Rolle der Superspionin Black Widow hat sie bereits fünf Mal gespielt. Zurzeit dreht sie ihren sechsten Auftritt in «Avengers: Infinity War» (Kinostart: April 2018).

Als Black Widow in «The Avengers» (2012) Für den Superheldenfilm durchlief Scarlett Johansson monatelanges Kampftraining. Die Rolle der Superspionin Black Widow hat sie bereits fünf Mal gespielt. Zurzeit dreht sie ihren sechsten Auftritt in «Avengers: Infinity War» (Kinostart: April 2018).

Marvel

Marvel-Fans fordern schon seit längerem einen separaten Black-Widow-Film – zumal Luc Bessons futuristischer Actionkracher «Lucy» (2014) gezeigt hat, dass Johansson einen Hollywoodblockbuster problemlos auf ihren eigenen Schultern tragen kann.

Einzigartige Schlagkraft

Solange sich Marvel mit Solo-Filmen um weibliche Helden weiterhin schwertut («Captain Marvel» mit Brie Larson kommt erst 2019 ins Kino, nach 20 Filmen über männliche Superhelden!), ist «Ghost in the Shell» eine valable Alternative, um Scarlett Johanssons einzigartige Schlagkraft auf der Kinoleinwand zu erleben.

Futuristischer Actionstar in «Ghost in the Shell» Verdammt cool: Scarlett Johansson springt im Film in Slowmotion elegant von Hochhäusern, berstet durch Fensterscheiben und schaltet mit geschmeidigen Bewegungen, Tritten und Schüssen Kriminelle aus.

Futuristischer Actionstar in «Ghost in the Shell» Verdammt cool: Scarlett Johansson springt im Film in Slowmotion elegant von Hochhäusern, berstet durch Fensterscheiben und schaltet mit geschmeidigen Bewegungen, Tritten und Schüssen Kriminelle aus.

Paramount Pictures

Hier springt sie in Slowmotion elegant von Hochhäusern, berstet durch Fensterscheiben und schaltet mit geschmeidigen Bewegungen, Tritten und Schüssen Kriminelle aus.

Das sieht nicht nur verdammt cool aus, sondern verleiht der Figur auch eine gewisse Glaubwürdigkeit. Man kauft Johansson die Hightech-Amazone ab, weil der Cyberpunk-Look zu ihr passt, weil ihrem Körper das rigide Training anzusehen ist und weil sie viele ihrer Stunts selber ausführt.

«Diese Figur ist eine Waffe», sagt die Darstellerin über ihre Rolle in «Ghost in the Shell». Auch Scarlett Johansson ist eine Waffe. Eine Waffe, die all jene entwaffnet, die an ihrer Stelle lieber eine andere Darstellerin gesehen hätten.

Ghost in the Shell (USA 2017) 106 Min. Regie: Rupert Sanders. Ab morgen Donnerstag im Kino. 3 von 5 Sternen