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Saxofonlinien und treibende Beats: Eine vielfältige Ausgabe der Jazztage Willisau zieht 5000 Besucher an

Fünf Tage Musik rund um Jazz und darüber hinaus: 5000 Besucher erlebten ein spannendes und kontrastreiches Jazzfestival Willisau.
Pirmin Bossart

Nach dem fulminanten Auftakt mit dem Joshua Redman Quartet lieferte das Duo James Brandon Lewis (sax) & Chad Taylor das passende Finale: Liess sich das Konzert von Redman auf das Erbe von Ornette Coleman zurückführen, zeigte sich dieses Duo vom energetischen Jazz von John Coltrane inspiriert. Die eruptiven Saxofonlinien mit ihrer rauen Phrasierung schlossen sich mit dem druckvollen Drumming zu formbewussten und emotionalen Stücken. Das Finale versöhnte all jene, die ob der Vielfalt des diesjährigen Festivals manchmal den klassischen Jazz-Spirit zu vermissen meinten.

Dabei hatte schon Makaya McCraven am Freitag ein konventionell-jazziges Konzert geliefert, was umso überraschender war, als der angesagte Schlagzeuger mit seiner «organic beat music» normalerweise auch Hip-Hop- und Elektronik- Einflüsse absorbiert. In Willisau aber musizierte das Quintett in traditioneller «ThemaVariation-Thema»-Manier. Dazu gehörten ellenlange Solis mit perlenden Tastenläufen und lyrischen Intensitäten. McCravens Spiel, ein Kraftbolzen ohne Allüren, war ein Katalysator aus treibenden Beats und polyrhythmischer Glut. Den erfrischenden Vibe einer solchen Performance haben die Amerikaner einfach besser drauf als die experimentierfreudig-beflissenen Europäer.

Ein musikalisches Feuergebläse

Ein beklemmendes Statement war der Auftritt des Brooklyn-Kollektives «Irreversible Entanglements» mit der kämpferischen Spoken-Word-Poetin Camea Ayewa: Ein musikalisches Feuergebläse mit Trompete und Saxofon, gepulst von einem unerschütterlichen Bass, das sich eine gute Stunde lang in unveränderter Intensität hinzog. Die Fire Music des schwarzen Free Jazz erlebte hier eine neue Inkarnation, die musikalisch weniger radikal daherkam, aber von der gleichen Energie genährt wurde.

Ayewa zog in ihren Text-Phrasen den Bogen vom brennenden Amazonas-Urwald bis zum Rassismus und der Gewalt, unter denen die schwarze Bevölkerung seit Jahrhunderten leidet. Wut und Zorn schwang mit, aber zunehmend auch Trauer und Verzweiflung. Da sass man, als weisser Mann, gebeutelt von den Schrecken der Welt und torpediert von einer Musik, die sich in insistierender Vehemenz in die Magengruben der Wohlgenährten bohrte. Ein dringliches und ungemütliches Konzert. Etwas pathetisch, aber notwendig. Und musikalisch relevanter als vieles andere Gebrösel, das man sich im Durst nach Neuem so auf die Zuckerbrote streut.

Vula Viel waren danach einfach zu viel. Das Trio aus London klöppelte sich in endlosen Variationen durch ein Repertoire aus perkussiven Afro-Anklängen und Indie-Pop-Versatzstücken. Das Gyil (westafrikanische Xylophon) klang wie eine Mischung aus Hang und Balafon und liess einen schnell ermüden. Sympathische Musiker und viel Leidenschaft am Werk, aber die Musik erinnerte an Kunsthandwerk aus dem urbanen Fair-Trade-Shop. Man sehnte sich nach Aktion, Einspruch, Jazz. Das war für Samstagnacht definitiv eine herausfordernde Band. Aber was bliebe vom Jazz Festival Willisau, wenn es die Ohren nicht mehr für anderes öffnete oder Erwartungshaltungen nicht mehr brüskieren würde?

Auch die Schweizer hielten mit

Die Überraschung aus einheimischen Landen war das Quartett des Saxofonisten Elio Amberg. Der Musik lagen ein paar grobe Improvisationskonzepte zugrunde. Umso erstaunlicher, wie minutiös und handfest aus musikalischen Pixeln, Phrasen und repetitiven Formeln ein schlüssiges Gesamtbild wurde. Es war eine bravouröse Kollektivleistung, in die Amberg seine Konsequenz, Bassist Silvan Jeger sein Rotieren, Schlagzeuger David Meier seine Reduktion und Hanspeter Pfammatter seine Musikalität einbrachten.

Auf gewohnt hohem Niveau intonierte das Trio der Pianistin Gabriela Friedli seinen Brain-Cocktail aus zeitgenössischer E-Musik und Improvisation. Bemerkenswert, wie wach die drei Virtuosen ihre Kunstmusik-Partitur aus Mikro-Strukturen, jähen Einwürfen und überraschenden Zusammenklängen zum Oszillierten brachten. Die vehemente Jetztzeit wurde im «Late Spot» besonders erfrischend musikalisiert: Mit dem Elektro-Noise-Sound von Tanche und dem Gender-Trash-Punk von Ester Poly.

«Ich bin sehr zufrieden», bilanzierte Festivalleiter Arno Troxler das diesjährige Gesamtpaket. Er meinte damit nicht nur den mit 5000 Zuschauern grossen Publikumsaufmarsch und die super Stimmung, sondern auch die musikalische Vielfalt mit eingestreuten Provokationen. «Es braucht Kontraste. Nur lauter Joshua Redmans zu programmieren, würde das Gesamterlebnis schmälern.» Das zog sich durch bis untendurch. Auf den Toiletten groovte Ländlermusik.

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