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Satiriker, Romantiker, Witzbold:
Adam Green präsentiert sein neues Album

Der New Yorker Adam Green kommt mit seinem zehnten Album ins St.Galler Palace und schlägt kulturkritische Töne an.
Marc Peschke
An seine frühen Erfolge konnte Adam Green nie anknüpfen. Bild: David Wala/KEY (Manchester, 19. Oktober 2019)

An seine frühen Erfolge konnte Adam Green nie anknüpfen. Bild: David Wala/KEY (Manchester, 19. Oktober 2019)

«Friends of Mine», das war die Sommerlieblingsplatte 2003 – und zwar von jedem. Adam Green, der Sänger der Moldy Peaches auf Solopfaden, war aber auch zu süss, dieser Wuschelkopf mit den dunklen, traurigen Augen. Und mit einer Bariton-Stimme, die eigentlich viel älter klang, als Green sein konnte. So sass die Indie-Pop-Jugend eng zusammen, am Baggersee, im Schwimmbad, nachts auf Balkonen, auf der Wiese hinter der Uni und wärmte die warmen Körper noch weiter auf. Lange, sehr lange hielt sich diese Platte. Mindestens vier Wochen rauf und runter. Dann kam eine andere, aber Adam Green war trotzdem lange nicht vergessen.

Adam-Green-Musik, das ist eine Stimme, ein kleines, barockes Streicherquartett, ein paar Folk- und Countrygitarren. Mehr nicht. Das ist schon viel, verglichen mit Jonathan Richman zum Beispiel, der seit Dekaden an einer ähnlichen Version von Sommersongs schraubt. «That Summerfeeling, Summerfeeling». Green ist freilich pathetischer als Richman, bei einigen Stücken wie «We’re not supposed to be Lovers» fast so pathetisch wie Leonard Cohen. Und übrigens gänzlich unpunkig. Wer die Rotznasigkeit der Moldy Peaches schätzte und sie bei Adam Green zu finden beabsichtigte, der wurde damals, in diesem Sommer der Liebe, bitter enttäuscht.

«Adam im Porno- und Schnapsland»

Adam Green trat 2005 am Open Air St. Gallen auf, danach mehrere Male in St. Gallen und Rorschach. Darunter das «legendär amüsante und Appenzeller-Schnaps-berauschte Konzert» 2007, schreibt das Palace St. Gallen. «Adam im Porno- und Schnapsland» titelte damals der «Tagblatt»-Kritiker und nannte den Auftritt im hoffnungslos ausverkauften Palace «ein zweifelhaftes Vergnügen». Ein damals 30-jähriger Besucher erinnert sich: «Adam Green war schon zu Beginn recht blau.» Er habe ein paar Songs gespielt und dann über die Pornomesse gesprochen, die er zuvor besucht hatte.
In drastischen Einzelheiten und mit vollem Körpereinsatz erzählte Adam von der Live-Pornoshow mit Dildo und schmierigen Flüssigkeiten, so die «Tagblatt»-­Kritik. «Green sagte, er brauche Appenzeller», erinnert sich der Besucher. Leider habe ihm jemand eine Flasche auf die Bühne gestellt, die Green zur Hälfte leerte. Er habe noch drei, vier Songs gespielt, sei aber immer apathischer geworden. Groupies drängten auf die Bühne und machten Selfies mit ihm. «Er konnte sich nicht wehren, so blau war er.» (miz)

Selbstmord, Sex und Amputationen

Hört man «Friends Of Mine» heute nochmals, so ist zweifellos klar: Es waren die so unglaublich guten Songs, die den Zauber dieses Albums erklären. Fast jeder ein kleines Meisterwerk. Vollkommen aus der Zeit gefallen. Dazu singt Green über Selbstmord, Amputationen und Sex – keine schöne Kombination, aber eine, die das New Yorker Leben ihm ins Ohr geflüstert haben mag. «Suicide, Suicide, leaning out to everyone that hides», trällert es aus der Vinylritze und man trällert unbeschwert mit: Suicide! Suicide!

Und heute? Hört man 16 Jahre danach die neue Adam-Green-Single «Freeze My Love», beschaut das Video, dann ist alles noch da: sein Schlafzimmerblick, sein Sarkasmus, seine Liebe zu den Tu- genden des klassischen Singer-Songwritertums. Sogar seine wilden Haare hat er noch. Es ist erstaunlich, wie wenig die Zeit bisweilen verändert: Green, der in den USA im Gegensatz zu Europa nur wenig bekannt ist, klingt heute noch immer wie mit Anfang zwanzig.

Körperliche Aktivität zusammen mit andern

Was hat Green eigentlich die ganze Zeit gemacht? Er hat weiter Platten veröffentlicht, Bücher geschrieben, Theaterstücke verfasst, als Bildender Künstler gewirkt. Sogar einen unfassbar witzigen, skurrilen Zukunftsmärchenfilm mit Kulissen aus Pappmaché hat er geschrieben und darin die Hauptrolle gespielt, nämlich «Adam Green’s Aladdin» – doch der grosse Erfolg, die vor allem in Deutschland grassierende Adam-Green-Hysterie der frühen Jahre, kam nicht mehr zurück. Jetzt stellt der New Yorker sein neues, inzwischen zehntes Album «Engine Of Paradise» vor, auf dem auch James Richardson von MGMT oder Florence Welch von Florence and the Machine zu hören ist. Zeitgleich erscheint auch Greens neue Graphic Novel «War And Paradise». Green selbst hält sein neues Album für sein elegantestes, für «das Hermès-Kölnischwasser der Musik».

Menschen, besessen von Maschinen

Ansonsten schlägt Green auf dem Album wie auch in seinem neuen Buch kulturkritische Töne an: «Schon meine letzten Alben hatten thematisch damit zu tun, dass die Menschheit von Technologie hypnotisiert ist. Ich glaube, seit dem Jahr, in dem das iPhone rauskam, sind die Menschen besessen von den Maschinen. Wie wenn man sich mit einem Parasiten infiziert! Wir sind wohl eine Spezies, die ihre Nachfolger selber schafft – in unserem Fall sind es die Maschinen, die wir bauen.»

Aber man muss nicht hoffnungslos sein, sagt uns Green in seinem neuen Video zu «Freeze My Love», in dem zu sehen ist, wie er mit seinen Freunden zeichnet, malt und Figuren aus Pappmaché baut: «Ich glaube, wenn man darunter leidet, dass die Technologie unser Leben bestimmt, dann lindert man das am besten durch echte Begegnungen, durch Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Körperliche Aktivität mit anderen zusammen.»

Körperliche Aktivität mit anderen zusammen! Das ist jetzt möglich. Nämlich im Palace, wo Adam Green nun bereits zum dritten Mal zu Gast ist. Ein Künstler, ein Satiriker, ein Romantiker, ein Witzbold, wie es ihn nicht noch einmal gibt.

Palace, St.Gallen, Donnerstag, 31.10., 20 Uhr.

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