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Saša Stanišic: Die Herkunft ist ein Ort des Zufalls

Schriftsteller Saša Stanišić erzählt in seinem neuen Roman «Herkunft» die Geschichte von der Flucht aus Jugoslawien, vom Leben in Deutschland und der neuen Heimat in der Sprache.
Erika Achermann
Der deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišić: Sein Debütroman »Wie der Soldat das Grammofon repariert« wurde in 31 Sprachen übersetzt. (Bild: PD/Katja Sämann)

Der deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišić: Sein Debütroman »Wie der Soldat das Grammofon repariert« wurde in 31 Sprachen übersetzt. (Bild: PD/Katja Sämann)

Saša Stanišić hat seine Heimat in der Sprache gefunden. «Der Starke findet seine Heimat überall», schrieb schon der Dichter Ovid aus dem Exil. Ob das stimmt? Mit den Romanen «Wie der Soldat das Grammofon repariert» und «Das Fest» hat Stanišić die Leser mit Poesie, Witz und Menschenfreundlichkeit fasziniert.

Ob sein neues Werk «Herkunft» eher ein Roman ist oder eine Autobiografie, lässt sich nicht so leicht bestimmen. Denn Stanišić geht viele Gedankenwege, zieht den Leser an verschiedenen Zipfeln hinein in seine Herkunft im heutigen Bosnien und vor allem ins neue Leben in einer «Welt voller Jugoslawien-Fragmente». Damit meint er die einzelnen Menschen, deren Herkunft der Vielvölkerstaat ist, aus dem sie als Serben, Kroaten, Bosnier ausgewandert sind und wo sie den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen fürs Dazugehören im neuen Ort.

Sasa Stanišić wurde 1978 in Višegrad geboren. Als 14-jähriger floh er mit seinen Eltern über die Grenze, als im bosnischen Teil Jugoslawiens der Krieg begann. Nur die Grossmutter Kristina blieb an der Drina zurück. Die Familie Stanišić gelangte bis Heidelberg, dem neuen Wohnort. «Heimat» kann man nicht sagen, denn was ist Heimat, wenn man fliehen muss und die Ankommenden nicht erwartet werden? Die Eltern mussten schon 1998 in die USA weiterziehen, weil ihre Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert wurde. Der Sohn durfte bleiben und ist inzwischen ein gefeierter Schriftsteller, aber «so gut wie niemals dort, wo Familie ist».

Ein unaufgeregter und poetischer Erzähler

Ist es nicht Zufall, wohin wir geboren werden, der erste Zufall in unserer Biografie, den wir uns nicht ausgesucht haben? Weder Rahim, Wojtek, Dedo, Piero, Fatih, Olli und Rike, mit dem Ich-Erzähler in Heidelberg aufwachsen, haben den Ort gewählt, bleiben aber Freunde. Der Ich-Erzähler ist ein guter Schüler. Er liest Kafka und Eichendorff, schreibt Gedichte erstmals auf Deutsch. Und schliesst manchmal die Augen, «um mich zu erfinden». So entsteht Literatur.

Stanišić erzählt ohne Hass und Aufgeregtheit, die es ihm ermöglichen, auch vom Tragischen nie wehleidig zu sprechen. Selbst dann, wenn er im August 2018 von den Demonstranten in Chemnitz berichtet: «Der Hitler-Gruss hing über der Gegenwart».

Im Herkunftsland spielt die Grossmutter eine wichtige Rolle. Ihre Demenz ist ein grosses Vergessen. «Als meine Grossmutter Kristina Erinnerungen zu verlieren begann, begann ich Erinnerungen zu sammeln.» Saša Stanišić besucht in Višegrad die Gräber und auf jedem zweiten Grabstein findet er seinen Namen: Stanišić «mit Schmuck am S», dem Häkchen, das ihn in Deutschland zum Fremden macht. Die afghanischen Flüchtlinge, die er 2018 unterwegs antrifft, meinen, das Schlimmste sei jedoch: «Always be nobody».

Auch die Grossmutter kennt niemanden mehr und sucht ihren verstorbenen Mann Pero und den Drachen der Erinnerung im Gebirge. Saša Stanišićs Geschichten seiner «Herkunft» und Ankunft wird man nicht so leicht vergessen, sein unaufgeregtes poetisches Erzählen, seine Skepsis: «Ich habe das Betrügerische der Erinnerung satt und das Betrügerische der Fiktion auch.»

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand. 355 S., Fr. 28.-

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